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29.09.20: Ein Schredder für den Krebs
30.07.20: Neuer Ansatz für zielgerichtete Krebs-Immuntherapie
03.06.20: Wie die Corona-Krise die Krebsforschung beeinflusst
18.03.20: Ionenstrahlen gegen Krebs?
12.03.20: Wichtiger Schritt gegen Krebs?
17.02.20: CRISPR gegen Krebs
23.01.20: Dresdner Forscher entdecken neuen Mechanismus
22.01.20: Therapie gegen alle Krebsarten?
09.11.19: Ein Virus, der jeden Krebs töten kann?
18.10.19: Neue Medikamente machen Hoffnung
23.09.19: Fast ausgestorbener Baum aus Australien könnte Krebs heilen
19.07.19: Pharmariesen setzen auf neuen Trend
25.12.18: Ein Drittel aller neuen Arzeneimittel sind Onkologica
12.12.18: Alltagsmedikament gegen Krebs?
25.08.18: Neue Medikamente?
29.07.18: Neuer Durchbruch?
28.06.18: Über 1.000 Wirkstoffe in der Erprobung
31.04.18: Gentherapie vor der Zulassung
08.04.18: US-Forscher fordern neue Klassifizierung
29.03.18: Neuer Wirkstoff?
24.02.18: Nachgezüchtete Tumore als Testlabore
19.01.18: Ärzte bezweifeln Screening-Qualität des neuen Bluttests CancerSEEK
23.01.18: Tumoren aushungern lassen
17.01.18: Weniger Chemotherapie bei Brustkrebs möglich?
04.01.18: Neue Therapien nur für wenige?
02.01.18: Göttinger Forscher finden neue Ansätze gegen aggressive Krebszellen
02.12.17: Vermehrte Todesfälle bei Medikamentenstudie
01.12.16: Können Hamburger Forscher bald Krebs heilen?
16.11.16: Krebsforschungszentrum: Revolution bei Diagnostik?
29.09.16: TheSocialMedwork gibt Übersicht
19.09.16: Stammzellenforschung verspricht neue Erkenntnisse
12.09.16: Algorithmen für Arzeneimittel
23.08.16: Neue Wege zum Stopp von Melanomen?
06.07.16: Deutsche spenden Rekordsumme für die Forschung
08.08.16: Der 35-Milliarden-Dollar-Rückschlag
02.07.16: Gentechnik im Einsatz gegen Krebs
18.07.16: Google, Bing & Co
07.06.16: Rechnerleistung gegen Krebs
12.05.16: Nanotechnik gegen Krebs
07.05.16: Meilenstein in der Ursachenforschung?
29.04.16: Tumorzellen stellen Energiezufuhr um
27.04.16: Darmbakterium als Auslöser für Krebs
27.02.16: Enzym verantwortlich für Resistenz bei Bauchspeicheldrüsenkrebs
26.02.16: Neuer Therapieansatz: Krebs kontrollieren statt töten
28.02.16: Metabolismus des Tumors gehemmt?
24.02.16: Zweitmeinung hat Auswirkungen auf jede 6. Tehrapie
19.02.16: "Präszisionsmedizin" gegen Krebs
10.02.16: Mit Viren gegen Krebs
19.01.16: Neue Internetzeitschrift zur Forschung
14.01.16: USA im Krieg gegen Krebs
18.01.16: Bessere Medikamenten-Transportwege
17.12.15: Doch kein Zufall?
12.01.16: Neue Wege in Lübeck

 

Ein Schredder für den Krebs

Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Würzburg haben einen neuen Wirkstoff zur Behandlung von Krebs entwickelt. Die Substanz zerstört ein Protein, das die Krebsentwicklung in Gang setzt.

FRANKFURT/WÜRZBURG. Der Bösewicht in diesem Drama trägt einen hübschen Namen: Aurora – lateinisch für die Morgenröte. In der Welt der Biochemie steht Aurora (genauer: Aurora-A-Kinase) allerdings für ein Protein, das viel Schaden anrichtet. Dort ist schon seit Langem bekannt, dass Aurora häufig am Anfang einer Krebserkrankung steht. Es gibt den Anstoß für die Entwicklung von Leukämien und vielen Kindertumoren wie beispielsweise Neuroblastomen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt und Würzburg haben jetzt einen Wirkstoff entwickelt, der Aurora ausschalten kann. Federführend daran beteiligt waren Stefan Knapp, Professor für Pharmazeutische Chemie an der Goethe-Universität Frankfurt, und Dr. Elmar Wolf, Forschungsgruppenleiter am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Chemical Biology haben die Forscher die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlicht.

Tumorauslösende Proteine zum Verschwinden bringen

Krebserkrankungen entstehen in der Regel durch tumorerzeugende Proteine. Weil Krebszellen von diesen Proteinen mehr herstellen als normale Zellen, befördert das die Dynamik zusätzlich. Ein üblicher Therapieansatz sieht deshalb vor, die Funktion dieser Proteine mit Arzneistoffen zu hemmen. Zwar sind die Proteine sind dann zwar immer noch vorhanden, funktionieren aber nicht mehr so gut, und auf diese Weise können Tumorzellen bekämpft werden.

Die Entwicklung dieser Hemmstoffe ist aber schwierig und war bislang nicht für alle tumorauslösenden Proteine erfolgreich. Bisher zeigten alle Kandidaten die Aurora hemmen im klinischen Einsatz nicht die gewünschten Ergebnisse. Der Traum vieler Wissenschaftler sieht deshalb so aus: Einen Arzneistoff zu entwickeln, der die tumorauslösenden Proteine nicht nur hemmt, sondern komplett zum Verschwinden bringt. Ein vielversprechender Ansatz auf diesem Weg könnte eine neue Wirkklasse von Substanzen sein, die den wissenschaftlichen Namen „PROTAC“ tragen.

Krebszellen sterben in Zellkultur

„Wir haben einen solchen PROTAC für Aurora entwickelt“, sagt Elmar Wolf. Dieser PROTAC das baut das Aurora-Protein in Krebszellen komplett ab. Krebszellen, die im Labor kultiviert wurden, starben daraufhin ab. Die Wirkweise dieser Substanz beschreibt Wolf so: „Der Tumor braucht bestimmte tumorauslösende Proteine, die man sich wie Seiten in einem Buch vorstellen kann. Unsere PROTAC-Substanz reißt nun die Seiten ‚Aurora‘ heraus und vernichtet sie mit Hilfe der Protein-Abbau-Maschinerie, die jede Zelle besitzt, um alte und kaputte Proteine abzubauen“. PROTAC „schreddere“ also quasi das Aurora-Protein, bis am Ende nichts mehr von ihm zurückbleibt.

Prof. Stefan Knapp vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität erläutert: „Die Aurora-A-Kinase kommt zum Beispiel in Brustkrebstumoren in viel größeren Konzentration vor als in gesundem Gewebe und sie spielt wohl auch beim Prostatakrebs eine Rolle. Eine Blockade der Aurora-A-Kinase Aktivität ist nicht erfolgversprechend – so hat es bisher noch keiner der vielen klinisch getesteten Hemmstoff-Kandidaten in die klinische Zulassung geschafft. Mit unserer PROTAC-Variante inhibieren wir die Aurora-A-Kinase über einen anderen, sehr effektiven Wirkmechanismus, der neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen könnte. Im nächsten Schritt werden wir daher die Wirksamkeit und Verträglichkeit im Tierversuch testen.“

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Knapp
Institut für Pharmazeutische Chemie
Goethe-Universität Frankfurt
Tel.: 069 798-29871
knapp@pharmchem.uni-frankfurt.de

Originalpublikation:
PROTAC-mediated degradation reveals a non-catalytic function of AURORA-A kinase. Bikash Adhikari, Jelena Bozilovic, Mathias Diebold, Jessica Denise Schwarz, Julia Hofstetter, Martin Schröder, Marek Wanior, Ashwin Narain, Markus Vogt, Nevenka Dudvarski Stankovic, Apoorva Baluapuri, Lars Schönemann, Lorenz Eing, Pranjali Bhandare, Bernhard Kuster, Andreas Schlosser, Stephanie Heinzlmeir, Christoph Sotriffer, Stefan Knapp and Elmar Wolf. Nature Chemical Biology, 28.09.2020. https://www.nature.com/articles/s41589-020-00652-y

(informationsdienst wissenschaft/nachrichten.idw-online, 29.9.2020)

 

Neuer Ansatz für zielgerichtete Krebs-Immuntherapie

Forschende der Universität Basel konnten zeigen, dass eine neue Krebs-Immuntherapie helfen könnte, Tumorzellen effizient auszumerzen und dabei Nebenwirkungen zu vermindern. Der Ansatz beruht auf einer lokal begrenzten Aktivierung von Immunzellen.

Krebs-Immuntherapien machen sich die Fähigkeit des Immunsystems zunutze, Krebszellen anzugreifen: Sie entfesseln die Killerfunktion sogenannter T-Zellen, die daraufhin die Krebszellen zerstören. Allerdings haben Tumore wiederum ihre eigenen Mechanismen, diese Angriffe lahmzulegen. Trotz grosser Fortschritte bei den Immuntherapien gibt es eine Vielzahl an Krebspatienten und -patientinnen, deren Tumore sich als resistent erweisen. Auch können Immuntherapien zu schweren Nebenwirkungen führen.

Forschende um Prof. Dr. Alfred Zippelius von der Universität Basel und dem Universitätsspital Basel haben gemeinsam mit Kollegen einen neuen Ansatz für eine Krebs-Immuntherapie entwickelt, die zielgerichtet und effizient den Tumor angreift. Davon berichteten sie kürzlich im Fachblatt «Journal for ImmunoTherapy of Cancer». An der Studie waren auch Forschende des Roche Innovation Center Zürich und des Kantonsspitals Baselland beteiligt.


Lokal fokussierte Wirkung


Der Ansatz setzt auf ein Molekül, das T-Zellen stimuliert – allerdings nur, wenn sie sich dabei in unmittelbarer Nähe des Tumors befinden. Dieser lokal begrenzte Effekt beruht darauf, dass der Wirkstoff nur in Kombination mit einem vom Tumor ausgeschütteten Eiweiss an T-Zellen bindet und sie aktiviert. «Nur wenn der Wirkstoff an die T-Zellen bindet, verstärkt er ihre Killerfunktion », erklärt Dr. Marta Trüb, Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe von Zippelius und Co-Erstautorin der Studie.

Der «Schalter» auf den T-Zellen, den der Wirkstoff in Kombination mit dem Tumorprotein aktiviert, heisst 4-1BB. Dieser T-Zell-Rezeptor wurde bereits früher als vielversprechendes Ziel für Immuntherapien erkannt. Jedoch scheiterten bisherige Therapieansätze wegen starker Nebenwirkungen. «Mit diesem neuen Ansatz fokussiert sich die Wirkung auf den Tumor und schont den Rest des Körpers», erklärt Trüb.

In Versuchen mit Tumoren, die aus Patientinnen und Patienten mit Lungen- und Eierstockkrebs isoliert worden waren, erzielten die Forschenden vielversprechende Ergebnisse: Die mit dem neuen Ansatz stimulierten T-Zellen teilten sich häufiger und schütteten Botenstoffe aus, welche den Angriff auf die Krebszellen unterstützten. Die Forschenden hoffen aufgrund ihrer Resultate, dass der neue Ansatz künftig auch in klinischen Studien getestet werden kann.

 

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Alfred Zippelius, Universität Basel / Universitätsspital Basel, Tel. +41 79 397 64 46, E-Mail: alfred.zippelius@unibas.ch

(Universität Basel, 30.7.2020. Dr. Angelika Jacobs)

 

 

 

Und was ist mit Krebs?

Wie die Corona-Forschung andere Fachbereiche beeinflusst

Die Wissenschaft rückt derzeit besonders in den Fokus – vor allem die Corona-Forschung.- Andere Krankheiten wie Krebs oder Diabetes erhalten hingegen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit.- Zwischenzeitlich lagen klinische Studien am Menschen in der generellen Forschung sogar ganz auf Eis.

Berlin/München/Lübeck. Die wissenschaftlichen Arbeiten zum Coronavirus laufen auf Hochtouren. Innerhalb weniger Monate ist praktisch aus dem Nichts ein riesiger Forschungszweig entstanden, der mit viel Geld vorangetrieben wird. Wissenschaftler rund um den Globus wollen den Erreger verstehen, suchen fieberhaft nach Medikamenten und einem Impfstoff. Doch dadurch könnten andere drängende Probleme in der Medizin, etwa Bluthochdruck, Diabetes und Krebs, aus dem Fokus geraten, warnen Experten.

Andere Erkrankungen nicht aus den Augen verlieren

Matthias Tschöp, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz Zentrums München, das ebenfalls zur Forschung an Sars-CoV-2 beiträgt, sprach schon Anfang Mai davon, dass bekannte Herausforderungen, die für viele Milliarden Menschen lebensbedrohlich sind oder ihre Lebensqualität deutlich beeinflussen, nicht aus den Augen verloren werden dürften.

"Die aktive weltweite Zusammenarbeit, um Lösungen aus der Covid-19-Krise zu finden, ist wichtig und gibt Anlass zur Hoffnung. Es wäre jedoch riskant, jahrzehntelange intensive Grundlagenforschung sowie translationale und klinische Forschung an den großen Volkskrankheiten jetzt zu unterbrechen und damit eventuell deren Erfolg zu gefährden", mahnt Tschöp.

Rund 30 Millionen neue Krebserkrankungen bis 2040

Damit spricht er insbesondere den Kampf gegen chronische Krankheiten wie Diabetes und Krebs an, die nach wie vor weltweit die Hauptursachen für Tod, Behinderung und Verlust an Lebensqualität sind. Mehr als 400 Millionen Menschen sind heute an Typ-2-Diabetes erkrankt.

Was die generelle Forschung betrifft, so hat die gegenwärtige Situation natürlich erhebliche Auswirkungen.

Damit zusammenhängende Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach Angaben des Helmholtz Zentrums die Haupttodesursache in den westlichen Gesellschaften. Bis zum Jahr 2040 werde die Anzahl neuer Krebserkrankungen jährlich von aktuell 18 Millionen auf rund 30 Millionen steigen.

"Was die generelle Forschung betrifft, so hat die gegenwärtige Situation natürlich erhebliche Auswirkungen", sagt ein Sprecher der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). "Alle unsere Institute sind angewiesen, ihre Mitarbeiter wo immer möglich im Home Office arbeiten zu lassen." Forschungsprojekte mit menschlichen Probanden fanden zuletzt gar nicht statt.

Klinische Studien stagnieren zwischenzeitlich

“Es wird sicherlich Wochen und Monate dauern, den Forschungsbetrieb wieder auf die Vor-Coronazeiten hochzufahren”, sagt der MPG-Sprecher. Bis Mai war es demnach nicht möglich, experimentell im Labor zu arbeiten. Seitdem “wird darüber nachgedacht, wie der Forschungsbetrieb an den Instituten langsam wieder hochgefahren werden kann” – ohne die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gefährden.

Klinische Studien am Menschen lagen in fast allen Bundesländern wochenlang nahezu auf Eis. In einigen Bundesländern sind sie schon wieder angelaufen, andere ziehen gerade nach, sagt die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), Britta Siegmund.

Allerdings war es “immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung”. Patienten, die bereits vor der Corona-Pandemie in Studien eingeschlossen wurden, seien durchgängig in den Studien geblieben und wurden weiter behandelt. “Aber de facto wurden zwischenzeitig keine neue Patienten in nicht-Covid-assoziierte Studien eingeschlossen”, sagt Siegmund.

Große Studien stehen vor Herausforderungen

Dafür gab es mehrere Gründe: Weil die Logistik europaweit nicht funktionierte, könnten Prüfmedikamente und Nachschub ausgehen. Außerdem hätten Untersuchungen im Krankenhaus durchgeführt werden müssen – was man weitestgehend zu vermeiden versuchte.

Probleme entstünden gerade bei großen Studien, die für die Freigabe von Medikamenten relevant seien, sagt Siegmund. "Wenn diese Studien jetzt über mehrere Monate on hold sind, werden sie später abgeschlossen." Und natürlich verzögere sich dann der gesamte Entwicklungs- und auch Zulassungsprozess.

Restliche Fachgebiete genauso relevant wie Corona-Forschung

“Ich finde persönlich, wenn man den Betrieb auf 20 Prozent reduzieren muss, dann müssen die Ressourcen auch gerecht verteilt werden – unabhängig von der Forschungsfragestellung”, sagt der Vorsitzende der AG Wissenschaft des Medizinischen Fakultätentags, Christopher Baum.

Vielfältigkeit ist eine Stärke des deutschen Forschungswesens.

Christopher Baum, Vorsitzender der AG Wissenschaft des Medizinischen Fakultätentags

Man könne nicht entscheiden, welche Forschungsfragestellung gesellschaftlich relevanter ist. “Ein Coronavirus-Forscher wäre vor einem Jahr als relativ unwichtig angesehen worden”, sagt Baum. “Und dann kommt es zu so einer Ausbruchssituation, und wir sind halt froh, dass wir Grundlagenforscher haben, die sich seit Jahren mit Coronaviren beschäftigen.”

Eben drum gebe es eine Verantwortung, die Forschungslandschaft in ihrer Vielfältigkeit gleichermaßen zu erhalten und unter diesen schwierigen Bedingungen bestmöglich weiterzuentwickeln, sagt Baum. "Vielfältigkeit ist eine Stärke des deutschen Forschungswesens. Das ist ganz wichtig, dass man da jetzt keinen Kollateralschaden hat und die Fragestellung einengt".

(RND/dpa, 3.6.2020)

 

 

Ionenstrahl gegen Krebs

Kaltes Plasma kann Krebszellen schädigen und das körpereigene Immunsystem ­aktivieren. Das Verfahren beweist sich derzeit in ersten klinischen Studien.

Die Diagnose schwarzer Hautkrebs ist niederschmetternd. Es ist die bösartigste Form von Hautkrebs, und jedes Jahr erkranken allein in Deutschland über 20.000 Menschen daran. Entscheidend für die Prognose ist, den Tumor so schnell wie möglich zu entfernen. Wissenschaftler arbeiten daran, diese und auch andere Hautkrebsarten besonders schonend und einfach zu behandeln – ohne Operation, mit kaltem Gas-Plasma. Nach den jüngsten Ergebnissen lassen sich nicht nur die Tumore damit bekämpfen, sondern die Therapie scheint zudem die gefürchtete Metastasenbildung zu unterdrücken, indem sie die Stoffwechselaktivität der behandelten Zellen herabsetzt (DOI: 10.3390/cancers11091237).

Die Idee hinter der Plasmatherapie ist sozusagen „radikal“: In einem Plasma bilden sich aus Bestandteilen der Luft hochreaktive Substanzen, etwa atomarer Sauerstoff, Singulett-Sauerstoff, Ozon, Stickstoffmonoxid und Hydroxylradikale. Trifft der Plasmastrahl auf krankes Gewebe, reichert er es stark mit diesen reaktionsfreudigen Molekülen an. Einige sind sehr kurzlebig, andere können über längere Zeit ihre Wirkung entfalten – unter anderem da Körperzellen selbst diese Stoffe als Signalmoleküle verwenden. „Letztlich imitieren wir mit den freien Radikalen die Leistung des körpereigenen Abwehrsystems“, erklärt Sander Bekeschus vom Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie in Greifswald, der an dieser neuen Technik forscht. „Auch die Fresszellen unseres Immunsystems pumpen eine Mischung aus freien Radikalen auf Zellen, die sie als feindlich erkannt haben.“ Dabei ist das Plasma mit 25 bis 45 Grad Celsius vergleichsweise kühl und verbrennt dadurch kein gesundes Gewebe.

Bislang setzen Mediziner Plasma für die Wundheilung ein, dafür ist das Verfahren seit 2013 zugelassen. Sie nutzen dabei, dass die Plasmatherapie körpereigene Zellen zum Wachstum anregt. „Bei der Krebsheilung wäre das jedoch fatal“, sagt Bekeschus. Aber das Plasma hat ein zweites Gesicht. So wie Medikamente in niedriger Dosis heilend wirken können und in großen Mengen toxisch, ist es auch hier: Lange Behandlungszeiten regen die Krebszellen nicht zum Wachstum an, sondern überfordern ihr Abwehrsystem und lassen sie absterben. Die dabei frei werdenden Membranteile rufen die Immunabwehr auf den Plan. Sie beginnt, die Krebszellen zu bekämpfen. „Da hier keine Mikroorganismen beteiligt sind, spricht man auch von einer ‚sterilen Entzündung‘“, sagt Bekeschus. Die setzt sich auch in tieferliegenden Schichten des Tumors fort – der Plasmastrahl selbst dringt nur wenige Dutzend Mikrometer in das Gewebe ein. Wie wirkungsvoll sich das Immunsystem gegen Krebs zur Wehr setzen kann, zeigt der Medizin-Nobelpreis 2018, den James P. Allison und Tasuku Honjo für ihre Erforschung an Krebs-Immuntherapien erhielten.

„Wir überlegen derzeit, wie wir die Plasmabehandlung auch bei Tumoren innerhalb des Körpers zum Einsatz bringen können“, sagt Bekeschus. So wäre es möglich, den freien Kanal bei Endoskopen für einen miniaturisierten Plasmastrahl zu nutzen. Dann könnte sich diese Technologie als vielseitige Waffe im Kampf gegen den Krebs erweisen. Ein Team der Universitätsfrauenklinik Tübingen und des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart ist diesen nächsten Schritt in den Körper bereits gegangen. Sie behandeln in einer klinischen Studie Vorstufen des gefährlichen Gebärmutterhalskrebses, sogenannte intraepitheliale Neoplasien. „Damit gehören wir weltweit zu den Ersten“, sagt Martin Weiß, Juniorprofessor für Molekulare Gynäkologie an der Universitätsfrauenklinik Tübingen.

Diese Neoplasien können sich zwar von allein wieder zurückbilden, aber nur bei etwa der Hälfte der Patientinnen. Daher schneiden die Ärzte die betroffenen Partien des Gebärmutterhalses üblicherweise vorsorglich großflächig heraus. Das ist ein schwerer operativer Eingriff mit Risiken für nachfolgende Schwangerschaften und teilweise langwierigen Folgen für die Gesundheit der betroffenen Patientinnen. Die Behandlung mit dem kalten Plasma sorgt aber dafür, dass bei den meisten Patientinnen die Krebs-Vorstufen wieder verschwinden. „Diese Behandlung können wir ohne Narkose und innerhalb weniger Minuten ambulant durchführen“, erklärt Weiß. Auch für die eigentliche Tumorbekämpfung sieht er in Zukunft viele Möglichkeiten.

Erste Versuche dazu machten die Forscher um Bekeschus bereits mit Krebszellen der Bauchspeicheldrüse. Das Pankreaskarzinom ist besonders aggressiv und weltweit die fünfthäufigste Todesursache durch Krebs. Die Behandlung mit kaltem Plasma ließ die entarteten Pankreaszellen tatsächlich absterben. Die Versuche zeigten zudem, dass eine große Befürchtung bei dieser Therapie wohl unbegründet ist: Dass der Plasmastrahl Krebszellen so stark aktiviert, dass sie sich aus dem Tumor abspalten, in den Blutkreislauf gespült werden und die Bildung von Metastasen beschleunigen. Das Gegenteil ist der Fall: Das Plasma hat in vier Pankreaskarzinom-Linien sogar die Aktivität der Tumorzellen herabgesetzt. So spricht viel dafür, dass Plasma Einzug in die Krebstherapie hält – entweder allein oder in Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie.

(heise.de, 18.3.2020, Dirk Eidemüller)

 

Göttingen: Wichtiger Schritt im Kampf gegen Krebs

Im Kampf gegen Krebs und Tuberkulose ist Göttinger Forschern ein wichtiger Schritt gelungen. Wie NDR 1 Niedersachsen berichtet, hat ein Team des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie herausgefunden, wie sich der Fettsäurehaushalt etwa von Krebszellen oder Tuberkulose-Bakterien verändern lässt. Dies eröffne in der Medizin neue Möglichkeiten, Wirkstoffe zu entwickeln, so das Institut. Lässt sich der Fettsäurehaushalt des Bakteriums beeinflussen, geht dem Tuberkulose-Erreger die Energie aus. Auch das Ausbreiten von Krebszellen ließe sich möglicherweise hemmen, wenn man ihre Fettsäureproduktion beeinflusst.

(NDR 1 Niedersachsen, 12.3.2020)


CRISPR gegen Krebs

Forscher der University of Pennsylvannia haben ein neues Kapitel bei der Behandlung von Krankheiten aufgeschlagen und in einer kleinen Machbarkeitsstudie erste Belege für die Sicherheit der Therapie gegen Blut- und Bindegewebskrebs gesammelt.

Drei Menschen mit fortgeschrittenem Krebs haben ohne schwerwiegende Nebenwirkungen Immunzellen injiziert bekommen, die mit der Geneditiertechnik CRISPR verändert worden waren. Es ist die erste klinische Pilot-Studie aus den USA über diese Technik und die erste CRISPR-Krebsstudie, deren Ergebnisse veröffentlicht wurden.

Das Ziel der Forscher war zunächst zu prüfen, ob die Technik sicher einsetzbar ist, und nicht, ein Heilmittel zu finden. Alle drei über 60-jährigen Patienten, zwei mit einem Blutkrebs namens "multiples Myelom" und einer mit einem Sarkom, also einem Bindegewebskrebs, hatten behandlungsresistente Tumoren, die das gleiche Protein produzierten.

Dramatische Wirksamkeit

Die experimentelle Forschung an der University of Pennsylvania begann im vergangenen Jahr im April. Die Ärzte entnahmen den Patienten Blutproben und veränderten die darin enthaltenen Immunzellen auf gentechnischem Weg. Genauer gesagt fügten sie ein Gen ein, um die T-Zellen auf Angriffskurs gegen die Krebszellen zu bringen. Mithilfe des CRISPR-Verfahrens löschten sie parallel dazu auch ein Gen namens PD-1, das die Abwehrkräfte des Immunsystems bremsen kann. PD-1-Hemmer haben bei Immuntherapien gegen einige Krebsarten dramatische Wirksamkeit gezeigt. Jetzt geht es darum, die gleiche Fähigkeit direkt in die DNA von T-Zellen einzubauen.

Jeder Patient erhielt eine Dosis seiner eigenen T-Zellen, die per CRISPR verändert wurden. Neun Monate später fanden sich die modifizierten Abwehrzellen immer noch in ihrem Blut. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal "Science" veröffentlicht.

Gen-Editiermethoden - eine kleiner Einblick

Das System aus CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) und der Cas9-Nuklease haben die Molekularbiologinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier 2012 entdeckt. Dank seiner einfachen Handhabe und geringer Kosten erlebt die Gentherapie derzeit ein Revival.Bild: Text: Inge Wünnenberg; Grafik: Brian Sipple

Das Vorgehen der Wissenschaftler war nicht ohne Risiko. Sie waren etwa besorgt, dass die veränderten Zellen eine problematische Immunantwort auslösen könnten, da das im CRISPR-Prozess verwendete Protein von Bakterien stammt. Das erwies sich zum Glück als unbegründet.

Langfristige Effekte

Eine zweite Sorge bestand darin, dass die CRISPR-Genbearbeitung auch sogenannte Off-Target-Effekte hervorruffen kann, also eine Wirkung an ganz anderen Stellen des Erbguts als den geplanten. Theoretisch können etwa unbeabsichtigte genetische Deletionen (Löschungen) dazu führen, dass die Zellen entarten und der Patient an Krebs erkrankt. Die Forscher beobachteten zwar einige Off-Target-Änderungen, aber keine problematischen.

Allerdings hielt sich auch die Wirksamkeit der Behandlung in Grenzen. Obwohl sich der Zustand der Patienten während der Behandlung stabilisierte und ihre Tumore schrumpften, hatten die T-Zell-Injektion keine langfristigen Effekte. Ein Proband ist bereits gestorben. Die beiden anderen haben eine Verschlechterung ihres Krebses erlebt und werden jetzt auf anderem Weg behandelt.

Die Studie wird zwar nicht fortgesetzt, da die verwendete Technikvariante mittlerweile veraltet ist und die Gen-Editing-Technologie sich seit 2016, als die Studie genehmigt wurde, rasant weiterentwickelt hat. Die ermutigenden Ergebnisse dürften jedoch den Weg für weitere Patiententests mit Gen-Editing-Technologien ebnen. In diesem Jahr zum Beispiel wurde in Europa der erste Patient mit einer Erbkrankheit – Beta-Thalassämie – mit einem CRISPR-Verfahren behandelt. Fyodor Urnov von der University of California in Berkeley, der nicht an der Pilotstudie der University oof Pennsylvania beteiligt war, sagte gegenüber "Science", dass die Studie "Fragen beantwortet hat, die das Feld lange beunruhigt haben".

(heise.de, 17.2.2020, Charlotte Jee, Antonio Regalado)

 

Dresdner Forscher entdecken Mechanismus bei aggressivem Krebs

Für die Entwicklung neuer Krebstherapien haben Forscher der Dresdner Uni-Klinik eine wichtige Entdeckung gemacht. Sie haben den Überlebensmechanismus aggressiver Tumor-Zellen entschlüsselt. Ein Enzym im Zellkern spielt dabei eine wichtige Rolle. Könnte man es an dieser Stelle chemisch blockieren, wäre es denkbar auch fortgeschrittenen Krebs wirkungsvoll zu bekämpfen. Die Aufdeckung dieses Mechanismus ist daher ein vielsprechender Ansatz für die Entwicklung neuer zielgerichteter Therapien.

Tumorzellen vermehren sich meist besonders schnell und setzen dabei Kontrollmechanismen außer Kraft, mit denen der Körper die Teilung kranker Zellen zu verhindern sucht. Häufig spielen hierbei Mutationen des im Zellkern enthaltenen Proteins p53 eine Rolle, das eine wichtige Kontrollfunktion im Zellzyklus ausübt. Gerade in besonders aggressiven Krebszellen, die bei metastasierenden Tumorerkrankungen wie dem malignen Melanom eine wichtige Rolle spielen, liegt p53 allerdings zumeist in seiner funktionsfähigen Normalform vor. Trotzdem kann es seiner Wächterfunktion offensichtlich nicht nachkommen. Verantwortlich hierfür ist ein bislang unbekannter Mechanismus, der bewirkt, dass der p53-Spiegel im Kern besonders aggressiver Krebszellen zu gering ist, um geschädigte Krebszellen in den programmierten Zelltod – eine Art Selbstmordprogramm der Zelle – zu treiben.

Eine wichtige Rolle in diesem Mechanismus spielt das Enzym Caspase 8, das normalerweise nur im Zytoplasma – der den Zellkern umgebenden Grundsubstanz der Zelle – vorkommt, sich bei aggressiven Krebszellen jedoch im Zellkern anreichert. „Wir konnten erstmals zeigen, dass Caspase 8 im Zellkern ein spezielles Protein – USP28 – spaltet, das dafür verantwortlich ist, den p53-Spiegel in Krebszellen mit erhöhter DNA-Schädigung anzureichern. In der Folge wird p53 zu stark abgebaut und kann seine Kontrollfunktion nicht mehr ausüben. Zellen mit geschädigter DNA werden dann nicht mehr in den programmierten Zelltod getrieben, sondern stattdessen der Zellteilung zugeführt“, erklärt Prof. Dagmar Kulms, Leiterin des Bereichs „Experimentelle Dermatologie“ des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC). „Wie wirkungsvoll dieser Mechanismus ist, zeigen die schlechten Überlebensraten von Patienten, bei denen sich eine Anreicherung von Caspase 8 im Zellkern von Tumorzellen nachweisen lässt. Gerade diese Zellen finden sich oft auch gehäuft in der restlichen Tumormasse, die sich bei vielen aggressiven Krebserkrankungen der zunächst erfolgreichen Behandlung entzieht“, sagt Dr. Mads Daugaard vom Vancouver Prostate Centre (Kanada).

Die Wissenschaftler konnten den Mechanismus im Labor anhand zahlreicher Zelllinien sowie Patientengewebe für das maligne Melanom und Prostatakrebs belegen. Zum gleichen Ergebnis führten Untersuchungen an Zelllinien weiterer Tumorarten, darunter Bauchspeicheldrüsenkrebs, Blasenkrebs, Brustkrebs, Darmkrebs, Eierstockkrebs, Hodenkrebs, Lungenkrebs, Nierenkrebs und Tumoren des Hirns.

Besonders vielversprechend ist, dass Caspase 8 nur bei besonders aggressiven Krebszellen im Zellkern vorkommt und dort das Protein USP28 spaltet. Ließe sich die Interaktion von Caspase 8 und USP28 mit einem chemischen Wirkstoff hemmen, könnten die aggressiven Tumorzellen künftig sehr gezielt bekämpft werden. „Dies könnte im Idealfall dazu führen, dass bei metastasierten Krebserkrankungen, bei denen heutige Tumortherapien versagen, möglicherweise das Wachstum und die Ausbreitung gestoppt werden könnten. Der Mechanismus spielt in einer Vielzahl von Krebsarten eine Rolle. Daher sind unsere Ergebnisse von besonders großer klinischer Relevanz“, sagt Prof. Stefan Beissert, Direktor der Klinik für Dermatologie des Universitätsklinikums Dresden. Gemeinsam mit spezialisierten Chemikern wollen die Wissenschaftler künftig an einem entsprechenden Wirkstoff forschen.

Veröffentlichung: Ines Müller, Elwira Strozyk, Sebastian Schindler, Stefan Beissert, Htoo Zarni Oo, Thomas Sauter, Philippe Lucarelli, Sebastian Raeth, Angelika Hausser, Nader Al Nakouzi, Ladan Fazli, Martin E. Gleave, He Liu, Hans-Uwe Simon, Henning Walczak, Douglas R. Green, Jiri Bartek, Mads Daugaard and Dagmar Kulms: Cancer cells employ nuclear caspase-8 to overcome the p53-dependent G2/M checkpoint through cleavage of USP28; Molecular Cell DOI: 10.1016/j.molcel.2019.12.023

(radiodresden.de u.a., 23.1.20)

 

 

Therapie gegen alle Krebs-Arten:

Diese Immunzelle tötet fast alle Krebszellen

Neuentdeckte T-Zelle macht Hoffnung auf eine Krebs-Universaltherapie

„Bisher glaubte niemand daran, dass dies möglich sein könnte“, sagt Professor Andrew Sewell stolz über die Entdeckung eines neuen Typs von Killer-T-Zellen, der die meisten menschlichen Krebsarten erkennt und tötet, gesunde Zellen jedoch ignoriert. Die Forschenden wollen mit Hilfe der neuen Immunzelle eine allgemeine Krebs-Therapie entwickeln, die gegen alle Krebs-Arten helfen soll.

Ein Forschungsteam der Cardiff University School of Medicin im englischen Wales entdeckte eine neue Immunzelle, die in der Lage ist, die meisten Krebszellen zu erkennen und zu töten. Mithilfe einer neuen Methode, bei der Immunzellen der Betroffenen entfernt, modifiziert und zurückgeführt werden, wollen die Forschenden eine Universaltherapie gegen Krebs entwickeln. Die Forschungsergebnisse wurden kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Nature Immunology“ vorgestellt.

Krebs-Immuntherapien sind bislang individuell

Wie das Forschungsteam berichtet, ist die am weitesten verbreitete Immuntherapie bei Krebs die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie, die auf alle Betroffenen individuell zugeschnitten werden muss. Darüber hinaus zielt sie nur auf wenige Krebsarten ab und ist bei soliden Tumoren in der Regel nicht erfolgreich.

Neue T-Zellen soll universelle Behandlung ermöglichen

Die Forschenden haben jetzt T-Zellen entdeckt, die mit einem bislang unbekannten Typ von T-Zell-Rezeptor (TCR) ausgestattet sind. Dieser Rezeptor ermöglicht den Immunzellen, die meisten menschlichen Krebsarten zu erkennen und abzutöten. Gleichzeitig ignoriert er gesunde Zellen.

Wie funktioniert der neue Rezeptor?

Laut der aktuellen Studie ist dieser TCR auf ein Molekül spezialisiert, das sich auf der Oberfläche einer Vielzahl von Krebszellen sowie in vielen normalen Körperzellen befindet. Die T-Zelle ist durch den Rezeptor in der Lage, gesunde und krebsartigen Zellen zu unterscheiden und tötet nur die Tumorzellen ab.

Besser als normale T-Zellen

Herkömmliche T-Zellen suchen die Oberfläche anderer Zellen ab, um Anomalien zu finden. Sie entdecken Krebszellen beispielsweise anhand von abnormalen Proteinen. Normale Proteine ignorieren sie jedoch. Der TCR ist laut dem Forschungsteam der erste bekannte Rezeptor, der auch ohne deutliche Anomalien eine Unterscheidung zwischen gesunden und krebsartigen Zellen treffen kann.

Ein Blick ins Innere der Zelle

Das Scansystem von Killerzellen erkennt kleinste Teile von zellulären Proteinen, die an Molekülen der Zelloberfläche bei zahlreichen Körperzellen gebunden sind. Diese Proteine werden als humanes Leukozyten-Antigen (HLA) bezeichnet. Die Killer-T-Zellen können über die HLA ein Blick in das Innere der Zelle werfen und so erkennen, ob sie gesund oder schädlich ist.

HLA ist bei jeder Person unterschiedlich

Das HLA variiert jedoch stark zwischen den einzelnen Personen, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bislang davon abgehalten hat, die HLA als Angriffspunkt für eine neue Therapie zu verwenden. Der neuentdeckte Rezeptor zielt jedoch auf ein einziges HLA-ähnliches Molekül namens MR1 ab. Nach Angaben der Forschenden variiert MR1 im Gegensatz zu HLA nicht in der menschlichen Bevölkerung, was das Molekül zu einem äußerst attraktiven Ziel für neue Immuntherapien macht.

Erste Laborversuche lieferten grandiose Ergebnisse

In ersten Versuchen töteten T-Zellen, die mit dem neuen TCR ausgestattet waren, im Labor Lungen-, Haut-, Blut-, Dickdarm-, Brust-, Knochen-, Prostata-, Eierstock-, Nieren- sowie Gebärmutterhalskrebszellen ab, während alle gesunde Zellen ignoriert wurden.

Steht der Durchbruch der Immuntherapie bevor?

„Wir hoffen, dass dieser neue TCR uns einen anderen Weg zur Bekämpfung und Zerstörung eines breiten Spektrums von Krebserkrankungen bei allen Menschen eröffnen wird“, erläutert Professor Andrew Sewell, der Hauptautor der Studie. Derzeitige Immuntherapien könnten nur bei einer Minderheit von Krebserkrankungen eingesetzt werden.

„Die gezielte Behandlung von Krebs mittels MR1-restringierter T-Zellen ist eine aufregende neue Grenze – sie eröffnet die Aussicht auf eine Universallösung zur Krebsbehandlung – eine einzige Art von T-Zellen, die in der Lage sein könnte, viele verschiedene Krebsarten in der gesamten Bevölkerung zu zerstören“, resümiert der Professor.

Tests an Menschen in den Startlöchern

Die neue Methode soll gegen Ende des Jahres an Menschen getestet werden. Laut Professor Sewell muss vorher sichergestellt sein, dass die mit dem neuen TCR modifizierten Killer-T-Zellen nur Krebszellen erkennen und angreifen.

Vielleicht schon in einigen Jahren verfügbar

„Wenn diese Tests erfolgreich sind, hoffe ich, dass diese neue Behandlung in einigen Jahren bei den Patienten eingesetzt werden kann“, so Sewell. Bis dahin gebe es aber noch einige Hürden zu überwinden.

„Diese neue Art der T-Zell-Therapie hat ein enormes Potenzial zur Überwindung der derzeitigen Einschränkungen von CAR-T“, ergänzt Professor Oliver Ottmann, Leiter der Hämatologie der Cardiff Universität.

Ein großer Schritt für die Krebsimmuntherapie

„Wenn diese neue Erkenntnis Bestand hat, wird sie den Grundstein für eine ‘universelle’ T-Zell-Medizin legen und die enormen Kosten, die mit der Identifizierung, Generierung und Herstellung personalisierter T-Zellen verbunden sind, mildern“, fügt Professor Awen Gallimore hinzu, ein Experte aus der Abteilung für Infektion, Immunität und Krebsimmunologie der Cardiff Universität. „Dies ist wirklich aufregend und möglicherweise ein großer Schritt nach vorn für die Zugänglichkeit der Krebsimmuntherapie“.

(Heilpraxis.net, 22.1.20, Volker Blasek)

 

 


Ein Virus, der jeden Krebs töten kann!

Haben Forscher den Durchbruch geschafft?

CF33 als Hoffnung für die Menschheit?

Australien - Es ist eine Entwicklung, die vielen Millionen Menschen auf der Welt zugutekommen könnte. Forscher aus Australien experimentieren zurzeit mit einem Virus, der nachweislich Krebszellen tötet.

Der neue Hoffnungsträger im Kampf gegen den Krebs heißt CF33. Hierbei handelt es sich um einen Virus auf Basis von Kuhpocken.

Versuche an Mäusen haben laut "LADBIBLE" gezeigt, dass der Virus Krebszellen reduzieren, sprich, töten kann. Deshalb soll CF33 jetzt als Nächstes an Menschen getestet werden.

Auf den ersten Blick mag es komisch klingen, mit Viren Krebs zu bekämpfen. Aber laut dem amerikanischen Krebsexperten Yuman Fong "gab es schon ab dem frühen 20. Jahrhundert Hinweise darauf, dass Viren Krebs töten konnten. Wenn Menschen mit Tollwut infiziert waren, ging der Krebs zurück."

Doch das Problem lag auf der Hand. Was bringt eine Heilung von der einen Krankheit, wenn einen die andere genauso umbringt?

Viren konnten deshalb bisher nur zur Behandlung von Krebsarten in bestimmten Zellen benutzt werden, wie zum Beispiel bei Haut- oder Lebergewebe.

Die Kuhpocken, die mit anderen Viren gemischt werden, sollen laut Professor Fong allerdings harmlos für den Menschen sein.

Virus wird direkt in den Tumor injiziert

Nach Vorstellung der Forscher wird der Virus direkt in den Tumor injiziert. Dort infiziert und tötetet er die Krebszellen.

Gleichzeitig soll das Immunsystem dadurch angeregt werden, andere Krebszellen im Körper aufzuspüren und ebenfalls zu zerstören.

So zumindest die Vorstellung. Bis dahin müssen aber nach Krebsratchefin Professor Sanchia Aranda noch einige Hürden überwunden werden. Gegenüber "news.com.au" sagte sie:

"Wenn es an einem Menschen getestet wird, werden wir sehen, ob das Immunsystem eine Abwehrreaktion gegen das Virus auslöst und es abtötet, bevor das an den Krebs gelangt. Es könnten auch böse Nebenwirkungen auftreten."

Zudem besteht die Gefahr, das Krebszellen gegen den Virus resistent werden können: "Sie sind sehr klug, [...] sie mutieren, um zu überleben und es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie resistent gegen den Virus werden."

Sie ist aber überzeugt davon, dass es sich lohnt die Behandlung zu testen und herauszufinden, ob sie für den Kampf gegen den Krebs verwendet werden kann.

(TAG24 u.a., 9.11.)

 

Neue Medikamente gegen Krebs wecken Hoffnung

Immer wieder werden Wundermittel gegen Krebs propagiert. Jetzt ist aber die Genetik von Krebszellen erforscht worden. „Nach langer Zeit herrscht wieder Aufbruchstimmung in der Tumortherapie“, sagt der Ruiter Chefarzt Bodo Klump.

OstfildernErstmals seit Jahren herrsche in der Tumortherapie wieder Aufbruchstimmung, sagt Professor Bodo Klump, der in der Ruiter Medius-Klinik die Abteilung Innere Medizin, Gastroenterologie und Tumormedizin leitet. Die Genetik von Tumorzellen ist nun so weit erforscht, dass man ihre Wirkungsweise mit Medikamenten außer Gefecht setzen kann. Bisher konnten Krebszellen das körpereigenen Immunsystem blockieren, die neuen Medikamente heben diese Blockade auf und greifen so relativ sanft in das System ein. Die Nebenwirkungen sind gering. Das Revolutionäre dabei ist: Das Medikament wirkt unabhängig vom betroffenen Organ. „Die genetischen Faktoren bestimmen die Therapie“, sagt Chefarzt Klump.

Aber: Die neuen Medikamente können bislang nur bei einem Teil der Tumorpatienten eingesetzt werden. Noch sei die Zahl der Patienten, die davon profitieren, klein, sagt der Ruiter Chefarzt. Deshalb gehört zum Kampf gegen den Krebs nach wie vor die Prävention. Klump spricht von der 4P-Medizin: präventiv, partizipativ, personalisiert und präzise.

Prävention I

Etwa 40 Prozent aller Krebsfälle, die jährlich diagnostiziert werden, wären nach Ansicht von Wissenschaftlern durch eine gesündere Lebensweise vermeidbar. Diese Zahl kann der Ruiter Gastroenterologe Klump bestätigen: „Fast jeder zweite Erkrankung an Dickdarmkrebs hätte durch gesunde Lebensweise vermieden werden können. Das bedeutet weder Askese noch Freudlosigkeit, sondern harmlose Änderungen in der Ernährung. Rotes Fleisch vermeiden, fleischlose Tage einlegen, auf Ballaststoffe achten, Fisch auf den Speiseplan setzen, ebenso Rohkost. Verzicht auf Nikotin, Maßhalten beim Alkohol.“

Körperliche Bewegung gehört zur Prävention bei Krebs ebenso wie bei Kreislauferkrankungen dazu. Drei Mal in der Woche 20 Minuten „ein bissle schwitzen“, empfiehlt Klump. Lange Zeit sei nicht klar gewesen, dass Übergewicht den Krebs fördere, heute zweifelt niemand mehr daran. Klump kann dies an der zunehmenden Häufigkeit von Bauchspeichelkrebs und Speiseröhrenkrebs direkt ablesen.

Prävention II

Seit 2002 ist die Darmspiegelung eine Kassenleistung. Die Zahl der Erkrankten ist seither leicht rückläufig. Etwa 100 000 Krankheitsfälle seien vermieden worden, sagt Klump. Dennoch findet der Mediziner die Teilnahmeraten enttäuschend: „Jeder Fall von Dickdarmkrebs, der nicht mehr heilbar ist, ist eine Tragödie.“ Denn durch die Vorsorgeuntersuchung ließe sich dieser Krebs zu fast 100 Prozent vermeiden.

Patient auf Augenhöhe

Studien und Statistiken haben früher die Leitlinien für die Behandlung bestimmt. Heute reicht die statistische Signifikanz nicht mehr. In der „partizipativen Medizin“ soll der Arzt dem Patienten „auf Augenhöhe“ begegnen und mit ihm besprechen, ob die Verlängerung der Lebenszeit durch eine Chemotherapie auch aus der Sicht des Patienten einen Fortschritt bedeutet. Chefarzt Klump: „Wir wollen ein maßgeschneidertes Therapiekonzept finden und wir müssen respektieren, wenn der Patient sich anders entscheidet.“ Fester Bestandteil der Therapie ist heute auch die Psychoonkologie. „In einer lebensbedrohlichen Situation ist das eine große Hilfe mit hohem therapeutischen Wert“, sagt Internist Klump.

Personalisiert

Bisher war der Ort des Krebsleidens entscheidend für die Therapiewahl. Heute bestimmt zunehmend die genetische Eigenschaft des Tumorgewebes die Therapie. Der technische Fortschritt erlaubt zum einen, dass die genetischen Eigenschaften schnell und kostengünstig analysiert werden. Zum anderen lassen sich durch große Datenmengen – Big Data – Zusammenhänge schneller erkennen. 2017 haben die amerikanischen Zulassungsbehörden erstmals ein Medikament – Pembrolizumab – für gleich mehrere Tumorerkrankungen zugelassen. Voraussetzung ist jedoch, dass in den Zellen des Patienten bestimmte molekulare Eigenschaften vorliegen.

Präzise

Eigentlich hat der Körper genug Immunzellen, um einen Tumor zu bekämpfen. Aber Krebszellen senden Signale aus, die das Immunsystem blockieren. Dank genetischer Untersuchungen kann man nun die Bremsen identifizieren – und Medikamente einsetzen, die sie lösen. Das Immunsystem attackiert dann wieder den Tumor. Die neuen Substanzen heißen Checkpoint-Inhibitoren, weil sie den Kontrollpunkt auf der Immunzelle steuern können. Drei solcher Stoffe (Eiweißmoleküle) sind bislang gefunden worden und werden in Kombination eingesetzt.

Hat man die genetischen Daten der Tumorzelle, kann man außerdem die Zytostatika gezielter einsetzen. „Man braucht nicht mehr die Chemo-Gießkanne, sondern attackiert den Tumor effektiv und nebenwirkungsärmer“, sagt Chefarzt Bodo Klump.

(Eßlinger Zeitung, 18.10.2019)

 

Abies beshanzuensis

Nahezu ausgestorbener Baum aus China könnte Krebs heilen

Ein Wirkstoff des Abies beshanzuensis Baums unterdrückt die Tumorbildung. Weltweit existieren von dem Kiefergewächs aber nur noch drei Exemplare. 

West Lafayette (USA). In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien bestätigt, dass nicht nur herkömmliche Medikamente, sondern auch Wirkstoffe aus der Natur gegen gefährliche Krankheiten wie Malaria oder sogar schwarzen Hautkrebs helfen können. Schweizer Wissenschaftler zeigten außerdem kürzlich, dass Kurkuma, dessen entzündungshemmende Wirkung seit längerem bekannt ist, dabei helfen kann große Wunden und Brandverletzungen zu behandeln und die Bildung von Narben zu unterdrücken.

Wissenschaftler der Purdue University haben nun die Pflanze Abies beshanzuensis aus China untersucht, um Inhaltsstoffe zu finden, die für die Medizin interessant sein könnten. Das endemisch in China wachsende Kieferngewächs gilt als vom Aussterben bedroht. Laut der im Journal of the American Chemical Society veröffentlichten Studie sind der Forschung nur noch drei Exemplare des Baumes bekannt.

Nadel und Baumrinde analysiert

Bei der Analyse der Baumrinde und der Nadeln fanden die Wissenschaftler Stoffe aus der Gruppe der Sesquiterpenoide, deren isolierte Moleküle sie anschließend im Labor synthetisierten. Außerdem erzeugen sie eine Reihe von Analoga, dies sind Moleküle deren Struktur sich vom Original leicht unterscheidet.

Anschließende Experimente zeigten, dass eines der Analoga ein möglicher Wirkstoff gegen Krebs sein könnte. Das nur Verbindung 30 genannte Molekül unterdrückt bei Zellkulturen den Wachstum des Proteins Tyrosin-Phosphatase SHP2, das für Bildung von Tumoren benötigt wird. Laut den Wissenschaftlern gehören Wirkstoffe, die das SHP2-Protein hemmen können aktuell zu den aussichtsreichsten Mitteln im Kampf gegen verschiedene Krebserkrankungen.

Höhere Wirksamkeit als bekannte Wirkstoffe

Neben der kürzlich hergestellten Verbindung 30 versuchen laut den Wissenschaftlern „auch viele Pharmaunternehmen Medikamente zu entwickeln, die das SHP2-Protein hemmen.“ Der neu entdeckte Wirkstoff auf pflanzlicher Basis bietet im Vergleich zu den bereits bekannten Wirkstoffen allerdings den Vorteil, dass er eine kovalente Bindung mit SPH2 eingeht und so das Wachstum langfristig unterdrückt. Außerdem kann die Verbindung 30 die Wirkung von Krebsmitteln wie Etoposid steigern, was die Behandlungschancen deutlich erhöht.

Mingji Dai, Co-Autor der Studie erklärt, dass „die Wissenschaftler hier somit möglicherweise einen Ansatz gefunden haben, einige heute bereits verwendete Medikamente weiter zu verbessern.“ Folgende Studien sollen nun die Antikrebs-Wirkung des chinesischen Baumes weiter untersuchen, bevor möglicherweise ein Medikament aus dem synthetisch erzeugtem Wirkstoff entstehen kann.

(Quelle: Journal of the American Chemical Society, doi: 10.1021/jacs.8b07652, 23.9.2019)

 

Arzneimittelforschung

Pharmariesen setzen auf neuen Trend im Kampf gegen Krebs

Mit einer neuen Klasse von Arzneien wollen Pharmafirmen die Wirkung von Immuntherapien gegen Krebs verstärken. Auch Bayer und Boehringer investieren.

Frankfurt - Aus „kalten“ Tumoren „heiße“ Tumore zu machen – das ist aktuell einer der stärksten Trends in der Pharmaforschung. Dem schließen sich nun auch die beiden führenden deutschen Pharmahersteller Bayer und Boehringer mit verstärkten Investments an.

Innerhalb weniger Tage vereinbarten beide Konzerne neue Deals auf dem Gebiet: Boehringer kaufte die Schweizer Biotechfirma Amal Therapeutics, Bayer engagierte sich über seine F+E-Organisation „Leaps by Bayer“ als Hauptinvestor bei der neu gegründeten Biotechfirma Phyxis in Boston.

Was verbirgt sich hinter den Strategien? Im Prinzip geht es darum, das Wirkspektrum von Immuntherapien gegen Krebs zu verbreitern. Die Forschung hatte auf diesem Gebiet in den letzten Jahren einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht, mit einer neuen Klasse von Wirkstoffen, die man als „Checkpoint-Inhibitoren“ bezeichnet.

Diese Mittel neutralisieren einen Abwehrmechanismus, mit dem sich Tumorzellen gegen das Immunsystem des Körpers schützen. Bei etlichen Krebsarten, so insbesondere bei Hautkrebs und Lungenkrebs, brachten diese Mittel deutliche Fortschritte für die Therapie mit zum Teil überraschend hohen Ansprechraten und langer Wirkung. Mehrere Medikamente der Klasse, so insbesondere die Mittel Keytruda von Merck & Co sowie Opdivo von Bristol-Myers Squibb (BMS) erzielen inzwischen Milliardenumsätze.

Allerdings hat sich inzwischen auch herauskristallisiert, dass diese Immuntherapien letztlich nur dort wirken, wo Tumore bereits in erheblichem Umfang von T-Zellen des Immunsystems infiltriert sind, also bereits ein gewisser Entzündungsprozess im Gange ist. Mediziner sprechen in diesem Fall von „heißen“ Tumoren.

Zahlreiche Krebserkrankungen indessen sind dadurch gekennzeichnet, dass eine Einwanderung von Immunzellen nicht stattgefunden hat oder durch unbekannte Mechanismen unterdrückt wird. Zu diesen „kalten“ Tumoren gehören etwa die meisten Krebserkrankungen im Gehirn, Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie viele Arten von Brustkrebs.

Riesiges kommerzielles Potenzial

Vor diesem Hintergrund richtet sich inzwischen immer größere Aufmerksamkeit auf die Frage, wie man T-Zellen noch besser aktivieren und das Mikroumfeld von Tumoren generell besser zugänglich machen kann für Zellen des Immunsystems.

Mit entsprechenden Wirkstoffen, so die Hoffnung, kann die Wirkung der bereits etablierten Checkpoint-Inhibitoren womöglich noch deutlich verbessert und das Einsatzspektrum von Immuntherapien erheblich verbreitert werden. Sollte das gelingen, könnte das weltweite Umsatzpotenzial von Krebsimmuntherapien nach Einschätzung mancher Analysten auf mehr als 100 Milliarden Dollar steigen.

Medikamente, die Tumore „heiß“ machen, bieten daher erhebliches Potenzial, auch in kommerzieller Hinsicht. Und dieses Potenzial eröffnet theoretisch auch für jene Firmen Chancen, die bisher in dem boomenden Feld der Krebsimmuntherapien noch nicht vertreten sind. Bayer und Boehringer setzen darauf, bei dieser zweiten Generation von Immun-Medikamenten mitzuspielen.

Dazu engagiert sich Bayer nun als Hauptfinanzier bei der neugegründeten Biotechfirma Pyxis Oncology. An der Finanzierungsrunde im Volumen von 22 Milliarden Dollar sind neben dem Leverkusener Konzern unter anderem auch die Finanzinvestoren Agent Capital und Longwood Fund sowie die französische Pharmafirma Ipsen beteiligt.

Das auf Immuntherapien spezialisierten Unternehmen mit Sitz in Boston stützt sich vor allem auf Forschungsarbeiten seines Gründers Thomas Gajewski von der Universität in Chicago, der als einer der führenden Experten im Bereich der Immunonkologie gilt. Er befasst sich laut Bayer seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Rolle von T-Zellen bei der körpereigenen Abwehr von Krebs und hat mit seinen Arbeiten zu einem neuen Verständnis der Mikroumgebung von Tumoren beigetragen.

Daraus resultieren nach Angaben des Pharmaunternehmens auch mehrere neue Ansätze, die die Aktivität dysfunktionaler T-Zellen wieder herstellen. Diese Erkenntnisse wolle Pyxis nutzen, um eine Pipeline von Antikörpern zu entwickeln, die auf neu entdeckte immunonkologische Zielstrukturen gerichtet sind.

„Wir haben einen systematischen Ansatz, die Immunbiologie der Mikroumgebung des Tumors zu verstehen“, wird Gajewski dazu einer Mitteilung zitiert. „Sie ist anders als bei anderen entzündlichen Krankheiten. Wir konnten mehrere neuartige Moleküle aufdecken, die Immunantworten auf Krebs regulieren.“

Effektivität etablierter Therapien steigern

In eine ähnliche Richtung zielt die Schweizer Biotechfirma Amal Therapeutics, die Boehringer Ingelheim Anfang der Woche für bis zu 325 Millionen Euro kaufte. Amal arbeitet an einer speziellen Impftechnologie auf der Basis von Peptiden und Proteinen, die eine starke Immunreaktion gegen Krebs auslösen soll.

Das führende Entwicklungs-Produkt von Amal, einen Proteinwirkstoff mit der Bezeichnung ATP128, will Boehringer nun in Kombination mit einem eigenen Checkpoint-Inhibitor testen. Die klinischen Studien dazu sollen noch im Juli anlaufen.

Bayer und Boehringer sind mit diesen Strategien indessen keineswegs alleine unterwegs. Auch die führenden Akteure im Onkologie-Geschäft, darunter Merck & Co, BMS, Roche und Astra-Zeneca, arbeiten intensiv an Therapien, die das Umfeld von Krebszellen beeinflussen und so die Effektivität der etablierten Immuntherapien verstärken.

BMS etwa investierte dazu im vergangenen Jahr mehr als drei Milliarden Dollar in eine Allianz mit der Biotechfirma Nektar Therapeutics. Merck & Co. erwarb unter anderem die australische Firma Viralytic und die deutsche Biotechfirma Rigontec. Roche wiederum kooperiert mit der deutschen Biotechfirma Biontech, die an individualisierten Impfstoffen gegen Tumore arbeitet.

Auch die Darmstädter Merck-Gruppe, die mit dem US-Konzern Merck & Co. keine Verbindung hat, ist im Bereich der Immuntherapien bereits einen Schritt weiter als ihre beiden heimischen Konkurrenten. So ist Merck nicht nur mit einem eigenen Krebsimmunmedikament, dem Wirkstoff Bavencio, bereits im Markt vertreten.

Darüber hinaus testet der Darmstädter Konzern mit dem Wirkstoff Bintrafusp alfa ein Molekül, das sowohl als Checkpoint-Inhibitor fungiert als auch die Aktivität von Immunzellen im Tumorumfeld stärken soll.

Klar ist aber auch, dass nach wie vor riesiger Bedarf besteht, die Wirkung von Immuntherapien zu verbessern. Der Markt dürfte damit Platz bieten für zahlreiche unterschiedliche Moleküle und Technologien, die in Zukunft in Kombination mit Checkpoint-Inhibitoren eingesetzt werden. Auch für Newcomer in dem Bereich bieten sich damit noch große Chancen.

(Handelsblatt, 19.7.19, Siegfried Hofmann)

 

Alltags-Medikament tötet Krebszellen ab - wie neue Studie Therapie revolutionieren könnte

Mit weit mehr als 200.000 Neuerkrankungen ist Hautkrebs die häufigste Krebsart in Deutschland. Mit welcher Arznei Forscher jetzt die kranken Zellen abtöten, überrascht.

Es passiert nicht zum ersten Mal, dass ein Medikament bei mehreren Krankheiten Wirkung zeigt. Was die Forscher um Martin Hohenegger vom Institut für Pharmakologie und Christoph Minichsdorfer vom Comprehensive Cancer Center der Medizinischen Universität Wien jetzt herausfanden, könnte neue Therapiechancen bei aggressivem Hautkrebs bedeuten - mit einem Wirkstoff, den viele Menschen im Medizinschrank stehen haben.

Wirkstoff in Cholesterinsenkern tötet Krebszellen ab

Auf der Suche nach neuen Arzneien gegen Krebs, stießen die Wissenschaftler auf eine positive "Nebenwirkung" eines Wirkstoffs, den viele Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten zu sich nehmen: Statine.

In Cholesterinsenkern enthalten, hat der Wirkstoff auch Einfluss auf schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom). Im Laborversuch konnte das Statin Simvastin in Krebszellen eine Art Selbstzerstörungsmodus auslösen, wie das News-Portal Focus berichtete. Die Forscher hatten im Labor auch den Botenstoff Interleukin-6 eingesetzt, der die perfekten Bedingungen für das Statin geschaffen hatte, um die entarteten Zellen zu töten.

Interleukin-6 stellt der Körper selbst her, es reguliert die Entzündungsreaktionen im Körper und ist deshalb so wichtig, weil Entzündungen im Körper die Entstehung von Tumoren begünstigen.

Hautkrebs früh erkennen: Dieses Muttermal kann Ihnen gefährlich werden.

Statine zeigen auch bei anderen Krebsarten Wirkung

Das Forscherteam fand außerdem heraus, dass Statine wohl auch bei anderen Tumorarten helfen könnten. Es muss allerdings noch weiter untersucht werden, ob und wie Statine in Zukunft in der Krebstherapie eingesetzt werden sollen.

In einer Mitteilung der Universität sagte Hohenegger: "Vergleiche verschiedener Studien zeigten, dass Melanomzellen sehr unterschiedliche Empfindlichkeiten für das Auslösen des Selbstmordprogramms durch Statine besitzen. Warum dies so ist, war nicht bekannt."

Vorsorge sei in jedem Fall besser als Nachsorge: Hauptverursacher von Hautkrebs ist laut Experte Claus Garbe die "absichtliche und vermeidbare Sonnenexposition in Urlaub und Freizeit". Der Dermatologe geht sogar davon aus, dass sich bis 2030 die Hautkrebs-Fälle verdoppeln werden. Vor allem für Menschen mit vielen Leberflecken ist der regelmäßige Check vom Hautarzt also immens wichtig.

Zur Studie: https://journals.lww.com/melanomaresearch/pages/articleviewer.aspx?year=2015&issue=08000&article=00003&type=Fulltext

(merkur.de, 12.12.18, Juliane Gutmann)

 

Neue Medikamente : Hoffnung auf Krebsheilung für 400.000 Euro

Neue Therapien stehen in Europa vor der Zulassung. Sie versprechen vollständige Heilung. Was wäre der Preis für den Sieg über den Krebs?

Für manche Patienten sind sie die letzte Hoffnung, Ärzte halten sie für einen Meilenstein in der Krebstherapie: manipulierte körpereigene Zellen, die den Krebs bekämpfen. Statt Operieren, Bestrahlen oder Chemiekeule kommt jetzt CAR-T. In Amerika sind zwei Präparate nach dem Verfahren seit einem Jahr im Einsatz. In Europa wird die Zulassung der auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Therapie mit „lebendem Medikament“ im September erwartet, die Europäische Arzneimittelbehörde hat das im Juni empfohlen.

Die Erwartungen sind gewaltig. Sie reichen bis zum Heilsversprechen, dass der Blut- und Lymphdrüsenkrebs bei bisher Todgeweihten völlig verschwindet. Kronzeugin dafür ist Emily Whitehead. Bei der jungen Amerikanerin, die die Ärzte fast aufgegeben hatten, sei der Blutkrebs nach der Behandlung nicht mehr nachweisbar. Auf Fotos posiert die Teenagerin lachend mit dem Schild „6 Jahre krebsfrei“.

Doch die Risiken durch Begleiterscheinungen der Therapie sind beträchtlich und, wie das „Deutsche Ärzteblatt“ schreibt, „in manchen Fällen sogar tödlich“. Deshalb soll die Therapie streng reglementiert werden. Vorgespräche zwischen Herstellern, Krankenkassen und Gesundheitsministerium dazu haben stattgefunden. Einstweilen bleibt die Therapie Patienten vorbehalten, bei denen andere Prozeduren nicht angeschlagen haben.

Strenge Regeln und hohe Preise

Josef Hecken, der Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, der über die Kostenerstattung durch die Kassen entscheidet, nennt weitere Bedingungen. Dazu gehört eine Behandlung nur „in ausgewählten, spezialisierten Zentren, um den hohen Risikoprofilen Rechnung zu tragen und einen qualitativ hochwertigen sowie indikationsgerechten Einsatz zu gewährleisten“. Ferner verlangt er eine lückenlose Kontrolle des Behandlungsfortschritts in Patientenregistern. So gewinne man mehr Informationen über den Verlauf. Bisher ist die Datenlage eher dünn.

Gewaltig sind nicht zuletzt die Kosten. Zwar wollen sich die Hersteller Gilead und Novartis zu den Preisen, die sie in Deutschland aufrufen wollen, nicht äußern. Doch die Preise in Amerika sind bekannt. Dort verlangt Gilead für „Yescarta“, eine Therapie zur Bekämpfung von B-Zell-Lymphomen, 373.000 Dollar. Novartis ruft für sein Leukämie-Präparat CTL019, „Kymriah“, 475.000 Dollar, gut 400.000 Euro, auf.

Der Preis ergebe sich aus dem hohen Wert, den die Therapie für Patienten, Kliniken, Gesundheitssysteme und die ganze Gesellschaft liefere, heißt es bei Novartis. „Die einmalige Behandlung kann bei Patienten mit lebensbedrohlichen Blutkrebserkrankungen, bei denen bisher alle Therapien versagt haben, dazu führen, dass keine Krebszellen mehr nachweisbar sind und damit eine reelle Überlebenschance für diese Patienten gegeben ist.“ Der Therapieerfolg könne viele Jahre anhalten und hohe Behandlungskosten wie Stammzelltransplantationen vermeiden, die in Deutschland bei bis zu mehreren hunderttausend Euro liegen können.

Gilead verweist für „Yescarta“ auf eine Studie, nach der bei der Hälfte der Patienten, die einmal eine Infusion mit den gentechnisch veränderten Zellen erhalten hatten, der Lymphdrüsenkrebs später nicht mehr nachweisbar war.

Kosten könnten sinken

Schon das Produktionsverfahren für die neuen Arzneien sei extrem aufwendig, sagt Thomas Taapken, Vorstand der Medigene AG. Sein Unternehmen befasst sich mit dieser Art „personalisierter Medizin“. Körperzellen müssen entnommen, in einem aufwendigen technischen Verfahren „umprogrammiert“ werden, dann wieder in die Klinik gebracht und dem Patienten mit einer Infusionslösung verabreicht werden. Auf Dauer erhofft sich Taapken Kostenersparnisse durch technischen Fortschritt und Automation.

Die Krankenkassen verfolgen das Thema aufmerksam, nicht nur, aber auch wegen der potentiell hohen Kosten. Noch ist die Zahl der Patienten, die mit den neuartigen Verfahren behandelt werden könnten, klein. Bei diesem Lymphdrüsenkrebs schätzt Gilead die Zahl der jährlich in Deutschland zu Behandelnden auf 800. Von Novartis’ neuer Blutkrebs-Therapie könnten hierzulande etwa 150 junge Menschen im Jahr profitieren.

Alternative: Bezahlung je nach Behandlungserfolg

Doch sollten die Erfolge durchschlagend und die Nebenwirkungen beherrschbar sein, dürften solche Therapien auch in früheren Behandlungsstadien eingesetzt werden. Das würde die Zahl der Behandlungen stark ausweiten. Auch werden viele neue Therapien auf Basis „umprogrammierter“ körpereigener Zellen entwickelt. Mit mehr Fällen und mehr Krankheitsbildern könnte ein Kostenschub auf die Kassen zukommen – auf der anderen Seite könnten sie viel Geld für weniger taugliche Behandlungen sparen. Solch eine – reine finanzielle – Rechnung birgt derzeit viele Unbekannten.

Novartis hat vor dem Hintergrund in Amerika bereits angeboten, die Bezahlung am Behandlungserfolg auszurichten: „Pay for performance“. Die Frage, ob der Konzern darauf auch in Deutschland setzt, blieb unbeantwortet. Der Spitzenverband der Kassen erklärte, man warte ab, ob solche Modelle von den Unternehmen auch für den deutschen Markt erwogen würden „und wie sie im System der gesetzlichen Krankenversicherung ausgestaltet werden könnten“.

Eile ist geboten

Denn hier liegen Tücken im System. Wie und wann misst wer den Therapieerfolg? Die individualisierte Erstattung sei „keine universelle Systemalternative für die Zukunft, sondern könnte eher eine interessante Ergänzung zum heutigen Preissystem sein“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer. Personalisierte Zelltherapien wie die nun vor der Zulassung stehenden für bestimmte Untergruppen der Leukämien und Lymphome seien dafür jedoch geeignet. Solche Verträge müssten dann zwischen einzelnen Kassen und Herstellern geschlossen werden.

Einstweilen aber müssen die Kliniken, die ihre Patienten nach den neuen Verfahren behandeln wollen, die Kostenübernahme durch die Kasse vorab beantragen. So lange, bis die in die Fallpauschalen der Kliniken aufgenommen seien, könne man nicht warten, sagte einer, der mit dem Verfahren vertraut ist. „So lange würden die Patienten nicht überleben.“

(FAZ, 25.8.18., Andreas Mihm)

 
 

Mainzer Forscher entdecken körpereigenen Tumor-Blocker

Durchbruch in der Krebsforschung?

Wissenschaftler der Mainzer Universitätsmedizin haben neue Eigenschaften eines menschlichen Proteins entdeckt. Wie die Uni mitteilt, wirkt das Protein MYPOP gegen Virusinfektionen und Krebs. Es unterdrücke die Bildung neuer viraler Bausteine, verhindere die Teilung der Tumorzelle und töte Krebszellen ab.

Festgestellt hatte das die Arbeitsgruppe von Dr. Luise Florin vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, als sie untersuchte, wie eine Infektion mit Humanen Papillomviren (HPV) abläuft. Onkogene HPV-Typen seien mitentscheidend für das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs und weiterer Tumoren.

Die Wissenschaftler entdeckten, dass MYPOP zentrale antivirale Eigenschaften besitzt: Es erkennt Papillomviren inklusive ihrer DNA. Indem es sich an das virale Kapsidprotein und die virale Kontrollregion der DNA binde, werde die Infektion der Schleimhautzellen blockiert und langfristig die Tumorentstehung verhindert.

Wie die Forscher zudem feststellten, fehlt den HPV-Tumorzellen das Protein MYPOP, das normalerweise in Hautzellen in hohen Mengen vorhanden ist. Wenn die Wissenschaftler das Protein in die Tumorzellen einbrachten, konnten sich die Zellen nicht mehr ungehemmt teilen. Auch in anderen Krebszellen beobachteten die Wissenschaftler diesen Effekt. Ob MYPOP wirklich bei Therapien gegen Virusinfektionen oder Krebs helfen kann, müssen allerdings weitere Forschungsarbeiten zeigen.

Die Ergebnisse sind nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Oncogene“.

(Merkurist.de, Mainz, 29.7.18, Ralf Keinath)

 

 

Pharma Fakten

Über 1.100 Medikamente und Impfstoffe gegen Krebs in der Entwicklung

28.06.2018 – In Sachen Krebs konnten in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende medizinische Fortschritte erzielt werden; der Bedarf an innovativen Therapien, die die Vielzahl an Tumorformen noch effektiver bekämpfen, bleibt nichtsdestotrotz groß. Über 1.100 Medikamente und Impfstoffe befinden sich aktuell in den Entwicklungspipelines biopharmazeutischer Unternehmen. Dies berichtet der amerikanische Verband der forschenden Arzneimittelhersteller PhRMA.

Um 25 Prozent hat die Krebssterblichkeit seit 1990 abgenommen. Dies schreibt der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) in einer Broschüre. Gleichzeitig steigen die Überlebensraten von Patienten fünf Jahre nach ihrer Diagnose immer weiter an. Es ist ein Fortschritt, von dem Experten noch vor Kurzem kaum zu träumen wagten. Und trotzdem: Nach wie vor ist Krebs die zweithäufigste Todesursache – in Deutschland und den USA.

Das Wissen um die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen der verschiedenen Tumorformen wächst jedoch rasant – und bereitet den Weg für neue Therapieansätze. „Die Erforschung der Rolle des Immunsystems im Kampf gegen Krebs hat einige spannende Fortschritte hervorgebracht“, schreibt PhRMA dazu. Das Ergebnis: „eine neue Welle an Immuntherapien, die Krebs ganz gezielt angreifen.“

1.120 Wirkstoffkandidaten in der Entwicklung

Die Medikamente und Impfstoffe, die sich laut PhRMA in den Pipelines biopharmazeutischer Unternehmen befinden, richten sich gegen ganz unterschiedliche Erkrankungsformen: So zielen etwa 137 auf Leukämien, 132 auf Lungenkrebs und 90 auf Hirntumore (s. Grafik) ab. Circa 85 Prozent aller Medikamente in der Onkologie-Pipeline seien vermutlich First-In-Class-Therapien – „das heißt, sie verwenden einen neuen und einzigartigen Mechanismus, um eine Erkrankung zu behandeln“.

Unter den neuartigen Therapieansätzen sind etwa CAR-T-Zelltherapien: Mithilfe gentechnischer Veränderungen soll das Immunsystem wieder in die Lage versetzt werden, den Krebs selbst zu bekämpfen. Ein anderes Beispiel sind Antikörper-Wirkstoff-Konjugate: An einen modifizierten Antikörper, der auf eine bestimmte Zielstruktur eines Tumors ausgerichtet ist, wird ein Wirkstoff gebunden und so zu den Krebszellen transportiert. Aber auch Impfstoffe – zur Vorbeugung sowie zur Behandlung – sind in der Entwicklung.

PhRMA stellt zudem fest: Die Therapien sind immer besser auf den einzelnen Patienten zugeschnitten. Über ein Viertel der Medikamente, die in den vergangenen vier Jahren von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen wurden, seien personalisierte Therapien.

(Pharma Fakten, 28.6.18)

 

 

Modifizierte Immunzellen

„Neue Ära der Medizin“ – Gentherapie gegen Krebs kurz vor der Zulassung in Europa

Die erste Krebsbehandlung mit modifizierten Immunzellen steht vor der Zulassung in Europa. Das gilt auch als Durchbruch der Gentherapie.

Frankfurt. Die Idee ist fast so alt wie die Genforschung selbst: Wenn es gelingt, den „Code des Lebens“ zu knacken, so die Überlegung, müsste es dann nicht auch möglich sein, mit diesem Code – sprich durch Modifikation oder Austausch von Genen – Krankheiten zu heilen? Schon Anfang der 90er-Jahre sahen sich manche Forscher auf der Zielgeraden in Richtung Gentherapie, um dann aber ein ums andere Mal zu scheitern.

Doch nun, drei Jahrzehnte nach den ersten Anläufen, zeichnet sich endlich ein Durchbruch ab, und zwar vor allem im Bereich der Onkologie. Die Gentherapie schickt sich an, zu einem wichtigen Instrument der Krebsimmuntherapie zu werden. Auch auf dem diesjährigen Kongress der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (Asco), der am Wochenende in Chicago beginnt, dürfte das Thema stark im Blickfeld stehen.

Das zentrale Stichwort lautet dabei „CAR-T“ und steht für chimäre Antigen-Rezeptoren auf T-Zellen, einer speziellen Klasse von Immunzellen. Das Grundprinzip besteht darin, solche T-Zellen genetisch umzuprogrammieren. Sie werden dazu dem Patienten entnommen, im Labor mithilfe von Viren mit dem Gen für einen speziellen künstlichen (chimären) Rezeptor ausgestattet, anschließend vermehrt und wieder injiziert.

Zwei solcher Verfahren sind in den USA inzwischen zur Behandlung bestimmter Leukämien zugelassen: die Therapien Kymriah von Novartis und Yescarta von Kite Pharma, einer Tochter des US-Biotechkonzerns Gilead. Wenn alles nach Plan verläuft, könnten sie im Laufe des Jahres auch in Europa eine Zulassung erhalten.

Die Hoffnungen, die auf den neuen Therapien ruhen, sind riesig. Novartis-Chef Vas Narasimhan zeigt sich überzeugt, „dass Kymriah das Potenzial besitzt, die Behandlung der betroffenen Patienten zu transformieren“. Aber auch externe Fachleute sprechen von einem Meilenstein auf dem Weg zu neuen Therapien. Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), wertet die CAR-T-Erfolge als „Durchbruch für die Gentherapie insgesamt“.

Und Paul Stoffels, der Forschungschef des US-Pharmariesen Johnson & Johnson, sieht die Tatsache, dass eine solche Therapie funktioniert, als Indiz dafür, „dass wir in einer neuen Ära der Medizin angekommen sind“.

Auch in anderen Bereichen, etwa bei monogenetischen Erbkrankheiten, könnte die Gentherapie in absehbarer Zeit neue Perspektiven eröffnen. Aber die größte Aufmerksamkeit dürfte sie vorerst in der Krebsbehandlung genießen.

Neue Therapien zeigen erstaunliche Erfolge

Dabei ist das Einsatzgebiet für die neuen Konzepte bisher auf einige wenige spezielle Blutkrebsarten beschränkt, die durch entartete B-Zellen des Immunsystems entstehen. Dazu gehören die akute lymphatische Leukämie bei Kindern und jungen Erwachsenen sowie eine spezielle Form von Lymphomen, das diffuse großzellige B-Zell-Lymphom. Wie bei fast allen Neuzulassungen im Krebsbereich bezieht sich die Zulassung zunächst ausschließlich auf Fälle, wo andere Therapieoptionen nicht mehr zur Verfügung stehen.

Die neuen Therapien indessen zeigten in den klinischen Studien an den durchweg schwerstkranken Patienten erstaunliche Erfolge mit Ansprechraten von zum Teil mehr als 90 Prozent und einer kompletten Rückbildung (Remission) der Krebszellen bei 40 bis 80 Prozent der Teilnehmer.

(Handelsblatt, 31.5.18, Siegfried Hofmann/Maike Telgheder)

 

 

US-Forscher: Klassifizierung von Krebs überdenken

Die Mediziner untersuchten 33 Krebsarten von mehr als 10.000 Patienten. Ihr Fazit: Fast zwei Drittel der Tumorarten treten in mehr als einer Körperregion auf.

Der Status quo lautet: Krebserkrankungen werden nach dem Ort bzw. dem Bereich im menschlichen Körper benannt, an dem sie auftreten. So wird etwa von Lungen- oder Brustkrebs gesprochen. US-Forschern halten dieses Vorgehen für nicht zielbringend. Wie die britische "BBC" am Samstag berichtet, fordern die Forscher rund um Christopher Benz in einer aktuellen Studie, eine Klassifizierung der Krebsarten nach der genetischen und molekularen Ähnlichkeit der Tumorzellen.

"Es ist Zeit, die wissenschaftliche Literatur über Krebs neu zu schreiben", betont Benz, einer der Autoren des "Pan-Cancer Atlas", in dem Bericht. Der Hintergrund: Die Mediziner untersuchten 33 Krebsarten von mehr als 10.000 Patienten. Dabei handelte es sich um 23 der verbreitetsten Tumortypen und zehn seltene.

Ihr Fazit: Fast zwei Drittel der Tumorarten treten in mehr als einer Körperregion auf. Eine Tumorart wurde sogar in 25 verschiedenen Körperregionen gefunden. Nach derzeitiger Klassifikation bedeutet dies, dass derselbe Tumor unterschiedlich behandelt wird, je nachdem, wo er zuerst auftritt. Das sei jedoch oft nicht der effizienteste Weg.

Zudem fanden die Forscher heraus, dass Krebsarten, die derzeit als zusammengehörig gesehen werden - etwa Brust- und Lungenkrebs - in mehr als eine Krebsart unterteilt werden könnten.

Originalstudie: http://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(18)30302-7

(diepresse.com, 07.04.2018, Red.)

 

Neuer Wirkstoff beseitigt Krebs in 7 von 10 Fällen

Vielversprechendes Krebsmedikament soll an Menschen getestet werden

Krebs ist eine gefährliche Erkrankung, welche weltweit immer mehr Menschen betrifft. Forscher fanden jetzt heraus, dass eine Injektion von winzigen Mengen zweier immunstimulierender Wirkstoffe in Tumore bei Mäusen zu einer kompletten Beseitigung der Krebserkrankungen führt. Die verwendete Injektion soll jetzt an menschlichen Probanden getestet werden, um dann möglichst schnell auf den Markt gebracht zu werden.

Die Wissenschaftler der Stanford University School of Medicine stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass durch eine Injektion Tumore in Mäusen abgetötet werden können. Untersuchungen an menschlichen Probanden sollen jetzt folgen, in der Hoffnung, dass das Medikament in naher Zukunft Patienten zur Verfügung gestellt werden kann. Die Experten veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Cell Stem Cell“.

Nebenwirkungen sind unwahrscheinlich

Die neuartige Behandlung ist in der Lage, Tumore in Mäusen abzutöten. Sie beseitigt alle Spuren von Krebs in den untersuchten Tieren. Dieser Ansatz funktioniert für viele verschiedene Arten von Krebs, einschließlich solcher, die spontan entstehen, erläutern die Mediziner. Die Forscher mutmaßen, dass die lokale Anwendung von sehr kleinen Mengen der Mittel als eine schnelle und relativ kostengünstige Krebstherapie dienen könnte. Nebenwirkungen seien bei dieser Art der Behandlung sehr unwahrscheinlich. Wenn beide Mittel zusammen verwendet wurden, führte dies zu einer Beseitigung der Tumore im ganzen Körper, erklärt Professor Dr. Ronald Levy von der Stanford University School of Medicine.

Was sind induzierte pluripotente Stammzellen?

Sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen oder iPS-Zellen sind ein Schlüsselelement der regenerativen Medizin. Außerhalb des Körpers können sie zu vielen verschiedenen Arten von Zellen und Geweben entwickelt werden, welche dann dabei helfen können, mögliche Schäden aufgrund von Traumatisierung oder Krankheiten zu reparieren. Die iPS-Zellen könnten in Zukunft eine neue Verwendung erhalten, denn sie sollen das Immunsystem dazu trainieren, Tumore anzugreifen oder sogar die Entwicklung der Tumore verhindern. Die Ergebnisse der aktuellen Studie legen nahe, dass es eines Tages möglich sein könnte, ein Individuum mit seinen eigenen iPS-Zellen zu impfen, um es gegen die Entwicklung von vielen Arten von Krebs zu schützen.

Was bewirken induzierte pluripotente Stammzellen?

Die iPS-Zellen sind Bestandteil des untersuchten Impfstoffs. Sie haben starke immunogene Eigenschaften, die eine systemweite, krebsspezifische Immunantwort hervorrufen, erläutern die Experten. Dieser Ansatz habe ein aufregendes klinisches Potenzial zur Behandlung von Krebs. Die iPS-Zellen funktionieren als Anti-Krebs-Impfstoff, weil sie frei von Wachstumsbeschränkungen sind, welche normalerweise in reifen Zellen vorkommen, die unser Körpergewebe bilden. Das Einbringen von iPS-Zellen, die genetisch mit dem Empfänger übereinstimmen, sich aber nicht replizieren können, ermöglicht es dem Immunsystem, Krebs besser anzugreifen. iPS-Zellen ähneln auf ihrer Oberfläche Tumorzellen, erläutert Dr. Joseph Wu vom Cardiovascular Institute der Stanford University. Wenn ein Tier mit genetisch übereinstimmenden iPS-Zellen immunisiert wird könnte das Immunsystem dazu veranlasst werden, die Entwicklung von Tumoren in der Zukunft zu bekämpfen, fügt der Experte hinzu.

Wie wurden die iPS-Zellen hergestellt?

Um die iPS-Zellen herzustellen, nehmen Forscher Zellproben von einer leicht zugänglichen Quelle wie Haut oder Blut. Die Zellen werden dann mit einer Reihe von Genen behandelt, welche sie dazu bringen, ihre Entwicklungsuhr zurück auch pluripotent zu stellen, erläutern die Wissenschaftler. So können sich die Zellen zu fast jedem Gewebe im Körper entwickeln. Ein Schlüsselfaktor der Pluripotenz sei die Fähigkeit der Zellen, einen Tumor zu bilden, der Teratom genannt wird und aus vielen verschiedenen Zelltypen besteht, nachdem die Zellen in Tiere injiziert wurden.

Wie funktionieren Krebszellen?

Sogenannte iPS-Zellen, die bei regenerativen medizinischen Therapien Verwendung finden, werden in Gegenwart anderer Proteine gezüchtet, um sie so zu ermutigen, sich in spezifische Zellpopulationen zu spezialisieren oder zu differenzieren, bevor sie dann klinisch verwendet werden. Es ist seit langem bekannt, dass Krebszellen viele Merkmale entwicklungsmäßig unreifer Zellen widerspiegeln. Als Teil ihrer Krebsumwandlung verlieren sie häufig die natürlich vorkommenden Mechanismen, welche dazu dienen, eine unangemessene Zellteilung zu blockieren, sagen die Forscher. Stattdessen beginnen sie sich rasch zu vermehren.

Versuche wurden an Mäusen durchgeführt

Bei ihrer Studie untersuchten die Mediziner vier Gruppen von Mäusen. Einer Gruppe wurde eine Kontrolllösung injiziert, eine Gruppe erhielt genetisch übereinstimmende iPS-Zellen, welche zuvor bestrahlt worden waren. So sollte bei dieser Gruppe die Bildung von Teratomen verhindert werden. Eine dritte Gruppe erhielt ein allgemeines immunstimulierendes Mittel, welches als Adjuvans bekannt ist. Die letzte Gruppe erhielt eine Kombination bestrahlter iPS-Zellen und ein Adjuvans. Alle Tiere erhielten einmal in der Woche über einen Zeitraum von vier Wochen eine solche Injektion. Schließlich wurde den Mäusen eine Brustkrebszelllinie transplantiert, um das potentielle Wachstum von Tumoren zu untersuchen.

Größe der Tumore schrumpfte bei sieben von zehn Tieren

Eine Woche nach der Transplantation wurde bereits festgestellt, dass alle Mäuse Tumore der Brustkrebszellen an der Injektionsstelle entwickelten. Obwohl die Tumore in den Kontrollgruppen robust wuchsen, schrumpfte deren Größe in sieben von zehn Mäusen, die mit iPS-Zellen plus Adjuvans geimpft worden waren. Zwei dieser Mäuse waren in der Lage, die Brustkrebszellen vollständig zu eliminieren und diese Tiere lebten noch über ein Jahr nach der Tumortransplantation. Ähnliche Ergebnisse wurden festgestellt, als die Forscher eine Maus-Melanom- und Mesotheliom-Zelllinie (eine Art von Lungenkrebs) in die Mäuse transplantierten.

Wirkstoff könnte Krebserkrankungen Monate oder Jahre später verhindern

Die Forscher möchten nun untersuchen, ob der Ansatz auch in Proben von menschlichen Krebszellen und Immunzellen im Labor funktioniert. Wenn dabei ein Erfolg festgestellt werden kann, könnte der Impfstoff in Zukunft auch an Menschen abgegeben werden, um die Entwicklung von Krebserkrankungen Monate oder Jahre später zu verhindern. Alternativ könnten die iPS-Zellen möglicherweise als Teil des Standards der adjuvanten Behandlung nach der primären Operation (Chemotherapie oder Strahlentherapie) verwendet werden. Sie könnten auch als Immuntherapie eingesetzt werden, um etablierte Krebserkrankungen zu behandeln, hoffen die Forscher.

Weitere Forschung ist nötig

„Obwohl noch viel Forschung nötig ist, ist das Konzept selbst ziemlich einfach“, erklärt Dr. Joseph Wu von der Stanford University in einer Pressemitteilung. Wir verwenden das Blut von Betroffenen, um so iPS-Zellen herzustellen. Diese Zellen werden dann wieder injiziert, um zukünftige Krebserkrankungen zu verhindern. Ich bin sehr gespannt auf die zukünftigen Möglichkeiten dieser Behandlung, fügt der Experte hinzu.  

(Heilpraxisnet.de, 29.3.18, as)

 

 

Nachgezüchtete Mini-Tumore von Krebspatienten zum Testen des Behandlungserfolgs

Neuer Durchbruch bei der Behandlung von Krebs?

Die Behandlung von Krebstumoren gestaltet sich häufig äußerst kompliziert und schwierig. Forschern ist es jetzt gelungen Medikamente gegen Krebs an Replika der Tumore von Patienten zu testen. So können Mediziner im Voraus feststellen, welche Arzneimittel und Behandlungen die beste Wirkung erzielen. Dies könnte zu einer stark verbesserten Behandlung von Krebs führen.

Die Wissenschaftler des Institute of Cancer Research, London und des Royal Marsden NHS Foundation Trust stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass künstlich gezüchtete Mini-Tumore aus Biopsie-Proben dazu verwendet werden können, um die Wirksamkeit von Medikamenten speziell für einzelne Patienten zu überprüfen. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Science“.

Genauigkeit der Tests lag zwischen 88 und 100 Prozent

Die aufregende neue Technik ermöglicht die Nachzüchtung von Mini-Tumoren. Dies könnten dazu beitragen, dass Mediziner bei der Behandlung von Patienten mit Krebs, nicht mehr direkt an den Patienten ausprobieren müssen, welche Form der Behandlung am wirksamsten ist. Die Experten stellten fest, dass die Tests an Minitumoren mit einer Genauigkeit zwischen 88 und 100 Prozent vorhersagten, ob ein Medikament wirksam sein wird.

Test hilft individuelles Behandlungsschema zu entwerfen

Für jeden Patienten könnte in Zukunft ein passender Mini-Tumor gezüchtet werden, der vor Behandlungsbeginn auf seine Sensibilität gegenüber bestimmten Medikamenten getestet wird. So könnten Ärzte dann ein individuelles Behandlungsschema entwerfen, erläutern die Forscher.

Experten nahmen Biopsie-Proben von 71 Probanden

Die Untersuchung wurde mit Magen- und Darmtumoren und anderen Krebserkrankungen des Verdauungssystems durchgeführt. Die Mediziner nahmen Biopsie-Proben von 71 Patienten mit fortgeschrittenem Darm-, Magen- und Speiseröhren- oder Gallengang-Krebs, deren Tumore sich bereits im Körper verbreitet (metastasiert) hatten.

55 Medikamente wurden an den Mini-Tumoren getestet

Die Wissenschaftler entnahmen in einem fortgeschritten Stadium der Erkrankung Zellen mittels Biopsie-Proben, jeweils vor und nach der Behandlung von metastatischen Stellen. Diese wurden dann in ein Gel eingebettet, damit sie völlig frei eine 3D-Form bilden konnten. Die Wissenschaftler testeten dann 55 etablierte oder neue Medikamente an den Minitumoren und verglichen die Ergebnisse mit der Reaktion des Patienten in der Klinik.

Nicht wirkende Medikamente wurden zu 100 Prozent identifiziert

Das Testen von Medikamenten an den Mini-Tumoren war zu 100 Prozent genau bei der Identifikation von Medikamenten, die bei den Patienten nicht funktionieren. Die Genauigkeit bei der Auswahl von Medikamenten, welche den Tumor schrumpfen ließen, lag bei 88 Prozent, sagen die Experten.

Mini-Tumore sehr effektiv zur Vorhersage der Wirksamkeit

Mini-Tumore schienen bei der Vorhersage der Arzneimittelreaktion wirksamer zu sein, als die Analyse des DNA-Codes des Tumors des Patienten allein. Unter dem Mikroskop betrachtet, hatten die Minitumore eine auffallend ähnliche Mischung verschiedener Zelltypen wie die Originaltumore in den Patienten. Eine eingehende genetische Analyse zeigte, dass die Replikate auch das gleiche Muster genetischer Veränderungen aufwiesen wie die Patienten.

Gezüchtete Tumore glichen zu 96 Prozent den Originaltumoren

Bei allen Patienten waren die ursprünglichen Tumore und die im Labor gezüchteten Minitumore zu 96 Prozent über 151 Krebs-verwandte Gene identisch. Es gab sehr wenige neuen Mutationen nach dem Kultivieren in einer Schale. Dies ist entscheidend, da neue Mutationen die Reaktion des Tumors auf Medikamente verändern können, erläutern die Autoren.

Mini-Tumore entwickelten sich in Mäusen genauso wie ihr Original

Mini-Tumore, welche in Schalen gezüchtet wurden, konnten aber nicht dazu verwendet werden, um Behandlungen zu testen, die auf die Umgebung des Tumors abzielen, wie beispielsweise das Arzneimittel Regorafinib, welches die Blutversorgung des Tumors einschränkt. Wenn die Mini-Tumore allerdings in Mäuse verpflanzt wurden, sprachen sie auf die selben Behandlungen an und entwickelten sich im Laufe der Zeit genau wie der Krebs des Patienten, berichten die Forscher.

Krebsbehandlungen sind ein Wettlauf mit der Zeit

Sobald sich Krebs im Körper ausgebreitet hat und nicht mehr auf Standardbehandlungen anspricht, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um für die Patienten ein Medikament zu suchen, welches das Fortschreiten des Krebses verlangsamen und ihr Leben verlängern kann, sagen die Mediziner. Die Rekonstruktion der Tumore von Patienten im Labor mit dieser neuen Technik sei hier eine äußerst vielversprechende Möglichkeit, um vorherzusagen, ob ein Medikament für einen Patienten geeignet ist. So konnte detailliert untersucht werden, wie diese Tumore auf Medikamente reagierten, einschließlich der Muster der Genaktivität und der Genmutation. Es konnte sogar überprüft werden, wie sich der Krebs als Reaktion auf die Behandlung entwickeln würde, erklären die Forscher.

Weitere klinische Studien sind nötig

Diese Technik könnte in Zukunft auf eine Vielzahl von Krebsarten angewendet werden. Das Potenzial dieser Technik muss in größeren klinischen Studien weiter ausgewertet werden, aber sie hat das Potenzial zu einer wirklich personalisierten Behandlung beizutragen, betonen die Experten. Krebserkrankungen sind sehr komplex und passen sich ständig an und entwickeln sich weiter. Daher ist es für Ärzte äußerst schwierig vorherzusagen, ob ein bestimmtes Medikament bei einzelnen Patienten funktionieren wird. Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch, dass Medikamente an Replika-Tumoren getestet werden könnten, bevor die Arzneimittel den Patienten verabreicht werden. Mit der Hilfe von diesen Mini-Tumoren könnte sogar vorhergesagt werden, wie ein Patient genau reagieren wird.

(Heilpraxinet.de, 24.2.18, as)

 

„CancerSEEK“:

Bluttest soll acht Krebsarten erkennen – Experten skeptisch

Baltimore – Der kombinierte Nachweis der Tumor-DNA aus 16 Krebsgenen mit acht konventionellen Tumormarkern hat in einer Pilotstudie die Diagnose von acht häufigen Krebsarten mit hoher Genauigkeit ermöglicht. Ob der in Science (2018; doi: 10.1126/science.aar3247) vorgestellte Krebssuchtest „CancerSEEK“ sich auch zum Screening eignet, wurde bisher nicht ermittelt.

Bei größeren Tumoren kommt es regelmäßig zum Zerfall von Krebszellen, deren Inhalt ins Blut ausgeschwemmt wird. Zum Inhalt gehören einmal Proteine, die als Tumormarker bereits zur Verlaufskontrolle und in einem Fall (dem PSA-Test) auch zum Screening genutzt werden. Zum anderen werden auch DNA-Bruchstücke freigesetzt, die als zirkulierende DNA im Blut mit Gensonden aufgespürt werden werden können. 

Ein Team um Nickolas Papadopoulos vom Kimmel Cancer Center in Baltimore hat jetzt einen Test entwickelt, der den Nachweis von acht Proteinen mit der Suche nach zirkulierender DNA von 16 Krebsgenen kombiniert. Die acht Proteine sind das Cancer-Antigen 125 (CA 125), das karzinoembryonale Antigen (CEA), das Cancer-Antigen 19-9 (CA 19-9), Prolaktin, der Hepatozyten-Wachstumsfaktor (HGF), Osteopontin (OPN), Myeloperoxidase (MPO) und der Tissue Inhibitor of Metalloproteinases 1 (TIMP1). Einige dieser Proteine nämlich CA-125, CEA und CA19-9, werden heute bereits zur Verlaufskontrolle von Tumorerkrankungen eingesetzt.

Weniger gebräuchlich ist der Nachweis von zirkulierender DNA, obwohl sich Krebs­zellen hier stark von normalen Zellen unterscheiden. Zum einen ist Krebs die Folge von Mutationen, zum anderen kommt es beim Tumorwachstum zu einem zunehmenden genetischen Chaos. Mit der sogenannten „liquid biopsy“ wird versucht, die ins Blut ausgeschwemmten Krebsgene für die Diagnose von Krebserkrankungen zu nutzen. Das Problem besteht hier darin, aus der Vielzahl bekannter Gene eine Auswahl zu treffen, die am ehesten geeignet ist, Tumore zu erkennen. Eine Auswahl ist auch aus Kostengründen erforderlich. 

Die US-Forscher entschieden sich für den Nachweis von 61 Amplicons aus 16 Genen. Jedes Amplicon bestand im Durchschnitt aus 33 Basenpaaren. Zunächst wurde jedes Amplicon mit der Polymerase-Kettenreaktion vermehrt und der „DNA barcode“ dann mit einem Katalog bekannter Krebsmutationen („Catalog of Somatic Mutations in Cancer“) verglichen. Die Kosten konnten dadurch in einem vernünftigen Rahmen gehalten werden. Papadopoulos glaubt, dass „CancerSEEK“ später für etwa 500 US-Dollar angeboten werden könnte. Das sei weniger als beispielsweise für eine Koloskopie aufgewendet werden müsste.

Während die Koloskopie aufwendig und für den Patienten unangenehm ist, könnte der „CancerSEEK“-Test an einer einzelnen Blutprobe durchgeführt werden. Außerdem würde er nicht eine, sondern insgesamt acht Krebsarten erkennen. 

In einer ersten Pilotstudie haben die Forscher den Test an 1.005 Patienten getestet, die an Eierstock-, Leber-, Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen-, Magen-, Darm-, Lungen- oder Brustkrebs litten. Diese Tumore wurden ausgewählt, weil sie für 60 Prozent aller Krebstodesfälle in den USA verantwortlich sind. Die meisten Patienten befanden sich im Stadium II (49 Prozent), gefolgt von Stadium III (31 Prozent) und Stadium I (20 Prozent).

CancerSEEK erreichte insgesamt eine Sensitivität bei 70 Prozent für die Gesamtgruppe der acht Krebsarten. Die Bandbreite reichte von 33 Prozent für Brustkrebs bis zu 98 Prozent für Eierstockkrebs.

Die Sensitivität stieg mit dem Stadium der Krebserkrankung. Im Stadium I lag sie nur bei 43 Prozent, im Stadium II bei 73 Prozent und im Stadium III bei 78 Prozent.

Die höchste Sensitivität im Stadium I wurde beim Leberkrebs (100 Prozent) und die niedrigste beim Speiseröhrenkrebs (20 Prozent) erzielt.

Die Spezifität von CancerSEEK lag bei über 99 Prozent: Von den 812 gesunden Probanden hatten nur sieben ein falsch-positives Ergebnis.

Da die Tests retrospektiv an einer Gruppe von Patienten mit bekannten Krebserkran­kungen durchgeführt wurden und die Kontrollgruppe nur gesunde Personen ohne Begleiterkrankungen waren, lässt sich der Stellenwert für die Krebsfrüherkennung nicht abschätzen.

Die deutschen Experten sind deshalb in ihrer Beurteilung zurückhaltend. Udo Siebholt, Universität Halle, von der AG Molekularpathologie der Deutschen Gesellschaft für Pathologie bezweifelt, dass CancerSEEK die Anforderungen eines Screeningtests erfüllen kann. Sensitivität, Spezifität und Robustheit des Verfahrens müssten sehr hoch sein, um unnötige Untersuchungen, Kosten und eine Verunsicherung der Testpersonen zu vermeiden. Vor allem der Stellenwert zellfreier DNA sei derzeit noch nicht abzuschätzen. Dr. Siebholt vermutet, dass gutartige Läsionen, wie etwa Darmpolypen, die erste genetische Veränderungen aufweisen, aufgrund ihrer Häufigkeit zu weitaus mehr falsch-positiven Ergebnissen führen werden als in der Kontrollgruppe der Studie. 

Siebholt bezweifelt auch den Sinn eines allgemeinen Suchtests auf Frühstadien von Krebserkrankungen. Bessere Ergebnisse würden heute mit dem gezielten Screening auf Vorläuferläsionen etwa beim Zervixkarzinom erzielt. Auch die Kosten von 500 Dollar pro Test seien vermutlich zu niedrig gegriffen, da bei einer zu erwartenden niedrigeren Spezifität hohe Kosten durch unnötige Nachuntersuchungen zu erwarten seien.

Holger Sültmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ)  in Heidelberg glaubt dagegen, dass der Test „konzeptuell ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer verbesserten Früherkennung“ sein kann. Bei allen getesteten Krebsarten gebe es einen hohen Bedarf für eine Früherkennung. Und in der Verwendung von minimal-invasiv zugänglichen Körpermaterialien – beispielsweise einer Blutprobe – sieht der Leiter der Arbeitsgruppe Krebsgenomforschung einen prinzipiellen Mehrwert. Laut Sültmann sollten die positiven Ergebnisse bei den sieben Probanden der Kontroll­gruppe ernst genommen werden. Er würde die Betroffenen zu einem klinischen Monitoring raten.

Auch Klaus Pantel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist in der Beurteilung zurückhaltend. Relevant für die Früherkennung sei die Frage, wie der Bluttest bei den frühen Krebsstadien abschneide. Die Sensitivität von 43 Prozent im Stadium I, die zudem zwischen den acht Tumorarten stark schwanke, sei möglicher­weise zu gering. Der Direktor des Instituts für Tumorbiologie am Zentrum für Experimentelle Medizin des UKEs könnte sich trotz aller Kritikpunkte jedoch vorstellen, dass die Liquid Biopsy-Analytik das Potenzial hat, zu einer „diagnostischen Kerntechnologie“ zu werden.

(Deutsches Ärzteblatt, 19.1.18, rme)

 

 

 

Neuer Angriffspunkt gegen Krebs: Tumoren aushungern lassen

Forscher entdeckten neue Ansätze für tumorhemmende Therapien. Das Wachstum der Blutgefäße und die Bildung von Metestasen soll so verhindert werden

Wachsende Tumoren haben einen hohen Bedarf an Sauerstoff und Nährstoffen. Deshalb regen sie die Bildung von Blutgefäßen an. Dieser Prozess wird Angiogenese genannt. Könnte man die unkontrollierte Angiogenese stoppen, ließe sich auf diese Weise das Tumorwachstum unterdrücken.

Wissenschafter vom Deutschen Krebsforschungszentrum und von der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg haben jetzt einen neuen Angriffspunkt für antiangiogene Therapien identifiziert. An Mäusen zeigten sie, dass Tumoren in der späten Wachstumsphase viel weniger Blutgefäße ausbilden, wenn ein bestimmtes Signalmolekül ausgeschaltet ist. Der Effekt: Die Tumoren wachsen langsamer und bilden weniger Metastasen.

Beschleunigtes Wachstum von Blutgefäßen

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Rezeptor Tie1, der von Endothelzellen gebildet wird – also den Zellen, die das Innere unserer Blutgefäße auskleiden. Dieser Rezeptor arbeitet mit anderen Signalmolekülen zusammen und bewirkt, dass Blutgefäße kontrolliert wachsen.

In den Blutgefäßen innerhalb von Tumoren wird verstärkt Tie1 produziert. Dadurch beschleunigt sich das Wachstum der Blutgefäße und des gesamten Tumors. Dieser Effekt trat zur Überraschung der Forscher allerdings erst in der späten Phase der Tumorentwicklung auf. Bei Mäusen ohne Tie1 wuchsen Tumoren zunächst in normaler Geschwindigkeit. Erst nach etwa zwei Wochen verlangsamte sich ihr Wachstum.

"Wenn Tumoren diagnostiziert werden, ist ihre evolutionäre Entwicklung in den allermeisten Fällen bereits weit fortgeschritten", erklärt Studienleiter Hellmut Augustin. "Daher ist es wichtig, therapeutische Ziele zu identifizieren, die in dieser späten Phase der Tumorentwicklung wirkungsvoll angreifbar sind, wie wir es hier für Tie1 nachgewiesen haben."

Bildung von Metastasen verhindern

Tie1 hat noch einen weiteren Effekt: Es destabilisiert die Wände der Blutgefäße und fördert dadurch die Ausbildung von Metastasen. Solche Sekundärtumoren entstehen, wenn Krebszellen den Primärtumor verlassen, im Blutkreislauf mitschwimmen und sich dann an einem neuen Ort im Organismus niederlassen. Dort können sie wochen- oder sogar jahrelang in einer Art Ruhezustand verharren bevor sie erneut damit anfangen, sich unkontrolliert zu teilen.

"Wir haben Tie1 in Endothelzellen genetisch ausgeschaltet und so Tumorwachstum und Metastasierung unterdrückt", erklärt Silvia La Porta, Erstautorin der Studie. "Im nächsten Schritt werden wir untersuchen, ob wir durch medikamentöse Unterdrückung von Tie1 den gleichen Effekt erzielen können."

Im Experiment an Mäusen zeigte sich, dass nach der Entfernung des Primärtumors zehn von 14 Versuchstiere Metastasen aufwiesen. Bei genetisch veränderten Mäusen, deren Endothelzellen den Tie1 Rezeptor nicht bilden konnten, hatte jedoch nur 1 von 14 Tieren nachweisbare Metastasen. Wie genau Tie1 wirkt, ist noch Gegenstand intensiver Forschung. Das Molekül ist ein sogenannter Orphan-Rezeptor, also ein Rezeptor, für den kein Bindungspartner bekannt ist.

Alte Idee neu gedacht

Die Idee, das Wachstum von Blutgefäßen in Tumoren zu unterdrücken, ist nicht neu. 2005 kam der Wirkstoff Bevacizumab (Avastin) auf den Markt, der genau nach diesem Prinzip funktioniert: Er blockiert den Gefäßwachstumsfaktor VEGF und behindert damit das Wachstum der Blutgefäße. Allerdings ist die Wirksamkeit von Bevacizumab begrenzt. Daher sind Wissenschafter weltweit auf der Suche nach Molekülen, die gemeinsam mit Avastin angewandt werden können und als Kombinationstherapie eine verbesserte Wirksamkeit haben.

In den letzten Jahren haben Pharmafirmen vor allem das Molekül Angiopoietin2 genauer unter die Lupe genommen. Anders als Tie1 beeinflusst Angiopoietin2 jedoch vor allem die frühen Phasen der Tumorentwicklung. Aufgrund seines späteren Wirkungszeitraums könnte sich Tie1 als besserer Angriffspunkt erweisen. (red, 23.1.2018)

Originalstudie: Endothelial Tie1–mediated angiogenesis and vascular abnormalization promote tumor progression and metastasis

(derStandard.de, 23.1.18)

 

 

Preisvergabe – Weniger Chemotherapie bei Brustkrebs

Vergabe des Junior Award der Claudia von Schilling Stiftung

Die Westdeutschen Studiengruppe (WSG) erhält den mit 10.000 Euro dotierten „Breast Cancer Research Junior Award“. Die Studiengruppe bekommt den Preis für ihre aktuellen Studien auf dem Gebiet der Brustkrebsforschung. Die WSG untersucht derzeit in klinische Studien mit 10.000 Patientinnen aus mehr als 100 Kliniken in Deutschland, welche Patientinnen auf eine Chemotherapie bei Brustkrebs verzichten können. Die Auszeichnung verleiht die Claudia von Schilling Stiftung in Hannover alljährlich an junge Wissenschaftler.

Die derzeitigen Behandlungsmethoden bei Brustkrebs sind von Operationen, Strahlen- und Chemotherapie geprägt. Die Chemotherapie soll zwar vor einem Rückfall schützen, doch bringt sie auch erhebliche Nebenwirkungen mit sich. Frühere Ergebnisse aus Langzeitstudien zeigten bereits, dass 20 Prozent der Patientinnen eine Chemotherapie erspart bleiben kann. Jetzt belegen erste Ergebnisse aktueller Projekte, dass sogar mehr als die Hälfte der Patientinnen keine Chemotherapie benötigen.

Die Hälfte aller Brustkrebspatientinnen könnte bald auf die Chemotherapie verzichten

Die mehr als 5.000 Patientinnen umfassende sogenannte ADAPT-Studie der WSG untersucht die Wirksamkeit und die Verträglichkeit der verabreichten Therapien sowie die Verteilung der Risikoprofile bei Brustkrebspatientinnen. Erste Ergebnisse zeigen, dass mehr als die Hälfte der Patientinnen keine Chemotherapie mehr benötigen. Die WSG untersucht schon vor einer Operation, wie effektiv die Antihormontherapie sein wird. Bei der Antihormontherapie werden die Östrogene blockiert. Dies soll das Wachstum von Tumorzellen stoppen, um einen Rückfall oder ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.

Der genetische Fingerabdruck gibt Hinweise auf die Effektivität

„Wir erforschen, wie mit Hilfe des so genannten genetischen Fingerabdrucks von Brustkrebs die Effektivität der Chemotherapie eingeschätzt werden kann“, erläutert Dr. Gluz, Oberarzt am Brustzentrum Niederrhein in einer Pressemitteilung der Medizinischen Hochschule Hannover. Weiterer Schwerpunkt der WSG-Forscung ist die Untersuchung von Geweben. Die WSG überprüft, ob die konventionelle Diagnostik in der Zukunft der modernen Medizin noch eine Rolle spielen wird, auch in Hinsicht auf die Kosten, die dabei verursacht werden.

(Heilpraxisnet, 17.1.18)

 

 

Neue Krebstherapien

Innovationen bei der Behandlung von Krebs – nur für wenige Patienten?

Es gibt so viele neue Ansätze in der Krebstherapie - und dann bleibt es für fast alle Patienten doch bei OP, Chemo und/oder Bestrahlung. Enthalten Onkologen ihren Patienten vielleicht eine „bessere“ Therapie vor? FOCUS Online sprach mit einem Experten.

Kaum eine andere Krankheit steht so im Fokus der Forschung wie Krebs. Neue Therapien kommen, so hat der Laie oft den Eindruck, fast im Monatsrhythmus auf den Markt.

Drei Gründe, warum neue Krebstherapien nicht zum Einsatz kommen

Doch, so scheint es, diese neuen und oft besonders wirksamen und dabei schonenden Therapien, wie etwa die Immuntherapie gegen Krebs, kommen nicht richtig beim Patienten an. Die meisten Betroffenen werden immer noch nach dem Therapiedreiklang Operation, Chemotherapie, Bestrahlung behandelt. Stimmt dieser Eindruck? „Teilweise kann das auf den Laien tatsächlich so wirken“, sagt Michael Hallek, Direktor des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln. Dafür gibt es drei Gründe:

1. Immuntherapie eignet sich nicht für jede Krebsform

Nicht alle der neuen Therapien sind schon bei den verschiedenen Krebsarten angekommen. „So gibt es etwa bei Bauchspeicheldrüsenkrebs für Immuntherapien noch zu wenig Daten und geeignete Wirkstoffe“, erklärt Michael Hallek. Für den Laien entsteht dann der Eindruck, die neuen Behandlungsoptionen werden ihm vorenthalten. Die Immuntherapien gelten als eine der wichtigsten Hoffnungsträger unter den neuen Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs.

2. Ärzte trauen sich nicht, die neuen Therapien anzuwenden

Die Erfahrung ist nicht in allen onkologischen Zentren für jede Krebsform gleich groß. Bei fehlender Erfahrung trauen sich die Ärzte manchmal nicht, eine ganz neue Therapie zu nutzen, immerhin ist sie auch mit hohen Kosten verbunden. „Manchmal wagt man es dann, die neue Behandlung anzuwenden, etwa wenn der Patient besonders jung und verzweifelt ist“, berichtet der Onkologe.

3. Wirkung der neuen Therapien oft nicht berechenbar

Neue Therapien wie etwa die Checkpoint-Inhibitoren, die das eigene Immunsystem dazu bringen, die Krebszellen gezielt zu besiegen, wirken hervorragend - „wenn sie wirken“, schränkt Michael Hallek ein. Oft greifen die Wirkstoffe jedoch gar nicht, etwa beim Lungenkarzinom zu 80 Prozent nicht. „Wir wissen noch nicht genau genug vorherzusagen, warum das so ist – also bei welchen Krebspatienten Checkpoint Inhibitoren wirken und bei welchen nicht.“

Kritik: Neue Therapien werden nicht zu selten, sondern zu oft angewandt

Patienten fühlen sich von neuen Therapien ausgeschlossen, Experten hingegen kritisieren, dass neue Therapien zu oft angewendet werden. Sie argumentieren, dass verlässliche Biomarker fehlen, die Auskunft darüber geben, ob die Therapie sinnvoll und erfolgreich sein wird, oder nicht. Deswegen bemängeln diese Kritiker auch, die neuen Therapien würden zu häufig angewendet, obwohl sie gar nicht so effektiv seien.

Zweitmeinung einholen

Für Patienten bedeutet das: Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, wenn er sich in einem „Gap“ fühlt, was seine Krebsbehandlung betrifft. Selbst entscheiden, was für ihn richtig wäre, kann jedoch kaum einer. „Wenn Sie den Eindruck haben, dass die Forschung mehr weiß als Ihr Arzt, sollten Sie mit ihm darüber sprechen“, rät Michael Hallek. Kann der Mediziner glaubwürdig versichern, dass Sie die beste, zeitgemäße Therapie erhalten, sollten Sie ihm vertrauen.

Im Zweifelsfall besteht die Möglichkeit, eine Zweitmeinung einzuholen, „was überaus wichtig ist“, bestärkt der Experte. Denn immerhin geht es um die eigene Gesundheit, in vielen Fällen um das Leben.

Das Angebot der onkologischen Spitzenzentren nutzen

Eine optimale Option für eine Zweitmeinung in Deutschland sind dabei die sogenannten Onkologischen Spitzenzentren (Comprehensive Cancer Center, kurz CCC), wie sie die Deutsche Krebshilfe auf ihrer Website aufführt.

Ziel der Zentren ist, neue Erkenntnisse aus der Forschung in die Krebstherapie einzubinden. Dabei arbeiten die Einrichtungen interdisziplinär. Über Spitzenzentren verfügen Berlin, Dresden, Düsseldorf, Essen, Frankfurt/Main, Freiburg, Hamburg, Heidelberg, Köln/Bonn, Mainz, München, Tübingen-Stuttgart, Ulm und Würzburg – wobei sie jeweils teilweise auf bestimmte Krebsarten spezialisiert sind.

(Focus online, 4.1.18, Monika Preuk)

 

 

Seltene und aggressive Tumore in Blutgefäßen

Göttinger Forscher finden neue Ansätze im Kampf gegen Krebs

Göttingen. Neue Hoffnung im Kampf gegen seltene und aggressive Tumore in Blutgefäßen: Ein Team unter der Leitung von Forschern der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat neue Behandlungsansätze entdeckt.

Derzeit stehen als Behandlungsmöglichkeiten neben der chirurgischen Entfernung noch Strahlen- und Chemotherapie zur Verfügung. Jedoch spricht dieser Krebs bislang meist nur schlecht auf solche Therapien an.

Die Forscher fanden heraus, dass besonders aggressive Krebszellen einen Weg gefunden haben, der sie extrem widerstandsfähig gegen die Chemotherapie macht, bei dem Stress durch Sauerstoff ausgeübt wird.

„Wir wollten wissen, ob es möglich ist, die Tumorzellen durch Medikamente so zu verändern, dass sie wieder durch Sauerstoff-Stress bekämpft werden können“, sagt Dr. Vivek Venkataramani von der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie und dem Institut für Pathologie der UMG. Gefunden haben er und sein Forscherteam einen Weg, mit dem das Problem zumindest im Reagenzglas gelöst werden kann: Durch Kombination des Wirkstoffes „Pazopanib“ mit einer gängigen Chemotherapie konnte in den Tumorzellen Sauerstoff-Stress erzeugt und die Zellen so effektiv abgetötet werden.

Der Wirkstoff ist bereits für die Anwendung bei Tumor-Patienten zugelassen und könnte daher ziemlich bald als Kombinationstherapie mit einer herkömmlichen Chemotherapie in die klinische Erprobung bei Angiosarkom-Patienten gehen“, sagt Prof. Dr. Philipp Ströbel, Direktor des Instituts für Pathologie der UMG und Senior-Autor der Publikation. Ihre Beobachtung machten die Göttinger Forscher bei ihrer Arbeit übrigens eher zufällig.

Die Untersuchungen wurden durch die Förderung der Else Kröner-Fresenius-Stiftung und das Göttinger Forschungskolleg ermöglicht. Dr. Venkataramani hat seine For-schungsarbeiten teilweise in New York sowie mit Forscherkollegen aus der Metropole an der US-Ostküste und aus London umgesetzt.

Zu der neuen Strategie sagen die Göttinger Forscher: „Wir glauben, dass es sich dabei um ein generell wichtiges Phänomen handelt, das seine volle Bedeutung dann entfaltet, wenn die Patienten mit Chemotherapie oder Bestrahlung therapiert werden müssen. Wir sind überzeugt, dass für erfolgreiche neue Therapieansätze vor allem diese kleine Zellpopulation gezielt bekämpft werden muss. Sehr wahrscheinlich ist diese Strategie auch auf andere Tumore übertragbar“, sagt Senior-Autor Ströbel.

Weitere Informationen zur Pathologie an der Universitätsmedizin Göttingen gibt es im Internet. www.pathologie-umg.de

(Hessischen/Niedersächsische Allgemeine, 1.1.18)

 

Vermehrte Todesfälle bei Medikamenten-Studie von Bayer

In einer Studie mit Wirkstoffen gegen Prostatakrebs kam es bei den Probanden zu vermehrten Todesfällen und Knochenbrüchen

Bayer hat einen Rückschlag bei einer Krebsstudie erlitten. Bei Behandlungen gegen Prostatakrebs mit Radium-223 in Kombination mit zwei weiteren Wirkstoffen kam es bei Patienten zu einem Ungleichgewicht in Bezug auf vermehrte Todesfälle und Knochenbrüche.

Ein unabhängiges Datenüberwachungsgremium habe empfohlen, eine Phase-III-Studie mit Radium-223-dichlorid in Kombination mit Abirateronacetat und Prednison/Prednisolon bei Prostatakrebs zu entblinden, teilte der Konzern kürzlich mit. Das bedeutet, es soll offen gelegt werden, welchem Teilnehmer welche Behandlung zugewiesen wurde.

Bayer entblindet die Studie jetzt, um die Ergebnisse sorgfältig zu analysieren. "Unsere oberste Priorität gilt der Sicherheit der Patienten", sagt Mike Devoy, Mitglied im Executive Committee der Pharmaceuticals Division von Bayer laut Mitteilung. Die zuständigen Gesundheitsbehörden und Prüfärzte hat Bayer nach eigenen Angaben informiert und bereitet die entsprechenden Informationen für Ärzte vor.

Zukauf von Substanzen

Zeitgleich hat Bayer angekündigt, im Krebsarzneigeschäft seine Forschung an eigenen Wirkstoffen auch künftig durch Einkäufe von Substanzen ergänzen zu wollen. Das Unternehmen wolle die Entwicklung seines Bestands an Entwicklungssubstanzen weiter vorantreiben "während wir gleichzeitig unsere Augen offen halten für nicht-organische Wachstumsgelegenheiten", sagt der Leiter des Onkologie-Bereichs der Pharmasparte, Robert LaCaze.

Erst unlängst hatte Bayer eine Allianz mit der US-Biotechfirma Loxo Oncology vereinbart und Vermarktungsrechte an Krebsmitteln der Amerikaner eingekauft.

(Der Standard u.a., 2.12.17, APA/sda/dpa)

 

 

 

Hamburger Forscher

Können sie bald Aids und Krebs heilen?

Sind HIV und Krebs bald besser therapier- oder sogar heilbar? Forschungsergebnisse einer Gruppe von Wissenschaftlern der Uni Hamburg lassen hoffen. Sie haben neue Wege gefunden, Virus- und Krebserkrankungen zu bekämpfen. Der Clou: Man „überlistet“ die kranken Zellen, indem man „maskierte“ Wirkstoffe einschleust – wie ein Trojanisches Pferd.

Dem Hamburger Chemiker Chris Meier (54) und seiner Forschungsgruppe ist etwas Bahnbrechendes gelungen. Sie haben einen Weg gefunden, Wirkstoffe, die bei der Behandlung von Krebs und Aids helfen, direkt in die kranken Zellen zu bekommen. Noch vor 15 Jahren wurde das für unmöglich gehalten.

Schon damals wusste man zwar, dass Triphosphate eine bessere Therapie ermöglichen würden – doch die Stoffe galten als zu instabil, um sie zu synthetisieren. Das heißt: Man konnte keine Medikamente daraus herstellen. Doch Chris Meier und sein Team haben es  im Labor geschafft, einen Weg in die Zellen zu finden: durch sogenannte Triphosphat-Prodrugs.

Damit wären die Medikamente viel wirksamer als herkömmliche Mittel, da sie  direkt in den kranken Zellen aktiv wirken können. „Triphosphate von strukturell modifizierten DNA- oder RNA-Bausteinen sind die biologisch aktive, das heißt wirksame Form“, sagt Chris Meier. 

Viele Doktoranden forschten mit ihm, es gab kleine Teil-Erfolge. Das vorerst letzte Puzzlestück lieferte nun die Doktorarbeit von Tristan Gollnest (31). Zwei Jahre brauchte er – dann gelang es ihm, solche Triphosphate als Trojanische Pferde zu „maskieren“. Schon vorhandene Wirkstoffe, die bisher nicht oder nur ineffektiv wirken, können so aktiviert und optimiert werden.

Das Resultat: geringere Dosierungen, weniger Nebenwirkungen und dadurch eine höhere Lebensqualität der Erkrankten. Die „Maske“ ist eine chemische Modifikation. Ohne sie würde der Wirkstoff nutzlos im Blut schwimmen und gar nicht erst durch die Zellmembran gelangen. Der Wirkstoff wird also verpackt – wie die Krieger im Trojanischen Pferd. „Durch cleveres Design wird das Drumherum, die Maske, erst in der Zelle gelöst“, erklärt Meier. „Ein Zellenzym beißt einen Teil der Maske ab, der Rest platzt dann spontan weg, so dass nur der Wirkstoff übrig bleibt.“

Erste In-vivo-Experimente lassen Großes hoffen. So sind die „Trojaner“ sogar in sogenannte solide Tumore hineingekommen. Solche galten bislang als chemotherapeutisch nicht angreifbar. Auf Fachtagungen zeigen sich Mediziner begeistert. „Es scheint wirklich revolutionär zu sein“, sagt Meier. „Wir sind weltweit die Einzigen, die daran  forschen.“

Entsprechend der Enzyme, die in der Zelle aktiv sind, wird die Maske gebaut. „Der Wirkstoff hat ein bestimmtes Ziel“, sagt  Meier. Sein  Ziel ist, dass sich das Konzept nicht auf Krebs und HIV beschränkt, sondern universell einsetzbar ist. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Es müssen weitere Experimente und Studien durchgeführt werden.  
Auch die Forschung im Chemie-Labor der Uni-Hamburg ist noch lange nicht am Ende. Tristan Gollnest würde gern weiterforschen, braucht dafür aber Geldgeber, die seine Stelle finanzieren.

(Hamburger Morgenpost, 1.12.16, Janina Heinemann)

 

 

Heidelberger Krebsforscher sieht Revolution bei Diagnostik und Behandlung

Heilung bei jedem zweiten Patienten und hohe Lebensqualität bei anderer Hälfte

Der neue Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, Michael Baumann, erwartet eine Revolution bei der Krebsbehandlung. Mehr und mehr könnten Ärzte auf die individuelle biologische Situation der jeweiligen Tumoren eingehen und patientenangepasste Therapien einsetzen, sagte Baumann der "Augsburger Allgemeinen" vom Mittwoch. "Wir sehen in dieser personalisierten Onkologie eine wirkliche Revolution in der Krebsdiagnostik und der Krebsbehandlung."

(Welt 24, 16.11.16, afp)

 

 

Krebs kennt kein Vaterland:

Launch von TheSocialMedwork.com in Deutschland

Amsterdam. Revolutionäre pharmazeutische Plattform TheSocialMedwork bietet Informationen über neu zugelassene Medikamente aus dem Ausland zur Behandlung lebensbedrohlicher Krankheiten - und schafft Zugang für Betroffene.

TheSocialMedwork hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schwerkranke beim Kampf um ihr Leben und ihre Gesundheit zu unterstützen. Der im November 2014 in Delaware, USA ins Leben gerufene globale Online Informations- und Beschaffungsdienst überwindet nationale Grenzen der medizinischen Versorgung undermöglicht den Zugang zu neuesten, potenziell lebensrettenden Medikamenten. Bereits aus 48 Ländern erreichen TheSocialMedwork Anfragen von Ärzten und Patienten.

Gesundheit ist der Kern des Lebens. Jeder Kranke das Recht, um sein Leben zu kämpfen. Und jeder Patient hat die Freiheit zwischen allen zur Verfügung stehenden Medikamenten wählen zu können - egal, wo er wohnt.

TheSocialMedwork.com (http://www.thesocialmedwork.com) recherchiert weltweit alle Neuzulassungen von Arzneimitteln gegen schwere Krankheiten wie z.B. Krebs und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Die Plattform stellt diese Informationen Ärzten, Betroffenen und Interessierten vollumfänglich und kostenlos zur Verfügung und liefert damit einen neuartigen Service. In einem weiteren Schritt macht TheSocialMedwork diese Medikamente zugänglich, soweit sie in Deutschland noch nicht zugelassen sind. Dies ist umso relevanter, da allein zwei Drittel aller innovativen Arzneimittel zuerst in den USA und nicht in Europa zugelassen werden. Insbesondere zielgerichtete Krebstherapien werden fast ausschließlich zuerst durch die FDA (U.S. Drug and Food Association) zugelassen. Es dauert im Durchschnitt über zwei Jahre bis die Medikamente auch in Deutschland zugelassen und erhältlich sind.

Unter strikter Befolgung aller medizinischen und rechtlichen Rahmenbedingungen und unter strengen Qualitätskontrollen zur Vermeidung von Fälschungen am Markt stellt TheSocialMedwork Schwerkranken zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung- und zwar unabhängig davon, wo der Patient wohnt. Dabei handelt es sich ausschließlich um Arzneimittel der Schulmedizin, die in modernen und hochregulierten Märkten wie z.B. den USA oder Japan zugelassen wurden. Damit schafft die pharmazeutische Plattform die Grundlage für Patienten, zusammen mit dem behandelnden Arzt, die bestmögliche Entscheidung über die eigene Therapie zu treffen. Denn beim Kampf ums eigene Leben und für die Gesundheit verdient jeder die besten Chancen.

Sjaak Vink, Gründer und CEO von TheSocialMedwork: "Früher fehlten das Wissen und die Möglichkeit an diese neuen, potenziell lebensrettenden Medikamente zu gelangen. Die Gesetzeslage ist eindeutig, faktisch war es jedoch bislang kaum möglich als Patient oder einzelner Arzt/in, solch ein Medikament zu erhalten. Oft fehlt zudem das Bewusstsein, dass die Beschaffung von nicht zugelassenen Medikamenten aus dem Ausland in Deutschland und ganz Europa sowohl legitim als auch legal ist, wenn die nationalen medizinischen Mittel ausgeschöpft sind."

Da ausländische Neuzulassungen in keinem zentralen Register wie bspw. dem des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet sind, müssen schwerkranke Patienten eigeninitiativ über die Existenz von geeigneten Medikamenten recherchieren. Ärzte müssen sich durch Forschungskongresse, Fachliteratur oder Studienregister informieren, das Medikament für die individuelle Behandlung identifizieren und schließlich die Belieferung organisieren. Für Arzt/in und Patient ist das ein komplexer und zeitintensiver Prozess.

TheSocialMedwork beschäftigt ein Team von internationalen Ärzten, Apothekern, Wissenschaftlern und Juristen, und arbeitet mit Experten und Verbänden auf dem Gebiet lebensbedrohlicher Krankheiten zusammen, um die neuesten zugelassenen Medikamente zu identifizieren, zu prüfen und preiseffizient zu sourcen. Ärzte und Patienten werden somit in die Lage versetzt, alle weltweit verfügbaren medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Mit der Verschreibung des Arztes kann dieses Medikament dann in jedes Land weltweit, nun auch nach Deutschland, verschickt werden. Geliefert wird ausschließlich an eine lokale Apotheke oder eine Krankenhausapotheke, immer unter Berücksichtigung der jeweiligen Importregulierungen. Die eigentliche Behandlung erfolgt durch den verschreibenden Arzt vor Ort.

TheSocialMedwork liefert bereits Medikamente in fünf Kontinente. Ab dem 1. Oktober wird der Service auch für deutsche Patienten und Ärzte zur Verfügung stehen - somit werden nun auch in Deutschland vorhandene Strukturen genutzt und nationale Grenzen bei der Versorgung Schwerkranker zum Teil überwunden. Jedes Leben zählt.

Pressekontakt: Katrin Schepp, LL.M. Tel: +31-619-438-957 Mail: press@TheSocialMedwork.com

(Finanzen.net, 29.9.16)

 

 

Stammzellforschung verspricht neue Erkenntnisse

Stammzellforschung ist zu einem unverzichtbaren Teil der Krebsforschung geworden. Viel versprechen sich Forscher von sogenannten Organoiden. In diesen kleinen Gewebestückchen können sie Krebserkrankungen nachahmen.

Die Stammzellforschung boomt - auch für Krebsforscher wird sie immer wichtiger. Die Mediziner erhoffen sich neue Erkenntnisse zur Entstehung von Tumoren und neue Lösungsansätze für deren Heilung. „Stammzellen und Krebs“ ist darum das zentrale Thema beim Internationalen Heinrich Behr Symposium in Heidelberg.

„Wir verwenden die Stammzellen, um mehr über den Tumor und seine Metastasen herauszufinden und neue Therapien zu entwickeln, die ihn gezielt vernichten“, sagt einer der Gastgeber des Symposiums, Wissenschaftler Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Das DKFZ richtet die Konferenz alle zwei Jahre aus.

„Ein Tumor entsteht, wenn sich in einer Zelle viele verschiedene Genveränderungen anhäufen, sogenannte Mutationen“, erläutert Trumpp. Kürzlich sei nachgewiesen worden, dass die erste Mutation oft in Stammzellen auftrete. „Der Ursprung von Krebs liegt damit oft in unseren Stammzellen.“ Die Krebsforschung versuche, Möglichkeiten zu finden, nicht nur den vollausgewachsenen Tumor zu zerstören, sondern auch Zellen, die bereits diese ersten Mutationen aufwiesen.

Forscher können auch immer mehr sagen über den Aufbau von Tumoren. „Der Tumor ist hierarchisch organisiert“, erläutert Trumpp. „Ganz oben sitzt die Krebsstammzelle, die viele nachfolgende, weniger aggressive Krebszellen produziert.“ Das Tückische daran sei, dass diese Krebsstammzellen sehr viel resistenter seien gegen Chemotherapien und andere Behandlungen. „Während man den Großteil der Tumorzellen vernichten kann, bleiben oft die Krebsstammzellen im Körper zurück.“

Nach einer Therapie könnten sie wieder einen neuen Tumor bilden, sagt der Krebsforscher. „Deshalb ist es so wichtig, diese Krebsstammzellen aktiv zu bekämpfen, um die Wiederkehr des Tumors oder auch die Bildung von Metastasen zu verhindern.“

Stammzellexperte Tobias Cantz von der Medizinischen Hochschule Hannover sagt: „Vor einigen Jahren haben sich viele gefragt, was Stammzellforschung denn mit Krebsforschung zu tun haben soll. Eine Krebserkrankung ist ja ein zu viel an Zellen - was soll man da mit noch mehr Zellen, die man aus der Stammzellenforschung generiert hat?“ Aber man habe inzwischen verstanden, wie ähnlich sich Krebszellen und Stammzellen strukturell seien.

Organoide ersetzen Tierversuche

Wissenschaftler können mittlerweile aus Stammzellen sogenannte Organoide züchten. Das sind kleine Gewebestückchen, die aus verschiedenen Zelltypen bestehen. „Das funktioniert, indem man die Stammzellen aus einem Gewebe isoliert und sie unter bestimmten Bedingungen zum Beispiel zu Mini-Därmen oder Mini-Gehirnen auswachsen lässt“, erläutert Trumpp. „Aus Gewebe vom Menschen gelingt das mittlerweile auch - dieses Verfahren wird jetzt immer häufiger eingesetzt, auch in Deutschland.“

Organoide spielten in der Krebsforschung eine immer wichtigere Rolle, sagt Trumpp. „Wir Krebsforscher haben oft das Problem, dass wir nicht genügend Material von einem Patiententumor bekommen: Die Tumoren sind klein oder die Proben sind bereits größtenteils abgestorben, da gibt es vielerlei Gründe.“

Auch Experten vom Paul-Ehrlich-Institut setzen Hoffnungen in die Forschung mit Organoiden. „Substanzen zum Beispiel aus der Biomedizin oder Chemotherapie können in Organoiden vorgetestet werden hinsichtlich ihrer möglichen Verträglichkeit“, sagt Institutspräsident Klaus Cichutek. „So gehen hoffentlich die momentan notwendigen Tierversuche zurück und werden durch Organoide ersetzt.“

Dem Molekularbiologen Jürgen Knoblich zufolge braucht die Forschung Organoide, weil sich viele Erkenntnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen lassen. An Organoiden könnten Forscher Medikamente testen und Krankheitsmechanismen erkennen. „Das Ganze ist besonders wichtig für das menschliche Gehirn als das Organ, das uns am meisten von Tieren unterscheidet.“

Knoblich züchtet aus menschlichen Hirnstammzellen sogenannte Hirn-Organoide - Gewebestrukturen, die in vielen Aspekten einem Gehirn ähneln. „Unsere Hoffnung ist, dass es uns gelingen wird, Tumore in diesen Organoiden nachzubauen. Wenn wir das schaffen würden, dann hätten wir auch die Möglichkeit, hier direkt Medikamente zu testen - das wäre ein großer Durchbruch.“

Laut Trumpp vom DKFZ hoffen Wissenschaftler, in Zukunft das Tumormaterial für jeden Patienten spezifisch züchten und daran erste Tests ausführen zu können. Das Ziel: vorab herausfinden, auf welche Medikamente oder welche Kombination von Wirkstoffen der Tumor ansprechen dürfte. „Irgendwann werden wir so viel Wissen angesammelt haben, dass wir zum Beispiel eine Kombination von Mutationen bei einem Patienten X finden, die wir ein Jahr vorher schon einmal bei einem anderen Patienten gefunden hatten. Durch das Wissen, welche Kombination hier schon gewirkt hat, kann man eine Menge Zeit sparen.“

(Wirtschaftswoche, 19.9.16, dpa)

 

 

Krebstherapien

Algorithmen für Arzneimittel

Berlin - Die Krebstherapie steht nach Einschätzung von Wissenschaftlern, Ärzten und Herstellern in den kommenden Jahren vor einer Revolution. Neue Diagnoseverfahren und darauf basierende Therapien versprechen einen Durchbruch, der sogar die Heilung von Krebs zur Realität oder den Krebs zumindest zu einer beherrschbaren Volkskrankheit machen könnte. Gentechnik und Big Data spielen dabei die entscheidende Rolle.

Rund um das Heidelberger Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) haben sich Firmen angesiedelt, die sich schon ein gutes Stück auf dem Weg in die Zukunft vorangearbeitet haben: Dazu gehört der Softwarekonzern SAP ebenso wie das Europäische Labor für Molekularbiologie (EMBL) und die Firma Molecular Health (MH). In absehbarer Zeit wird die Zukunft voraussichtlich bereits in einen Kassenvertrag gegossen: Als erstes sollen leukämiekranke Kinder mit den neuen Methoden therapiert werden. Die Techniker Krankenkasse sitzt mit im Zukunftsboot.

Im EMBL sitzen junge Wissenschaftler in abgedunkelten Arbeitsecken vor modernen Elektronenmikroskopen. Sie beobachten genmanipulierte Fische in Echtzeit beim Wachstum. Im Gehirn kämpfen rot und blau gekennzeichnete Eiweißmoleküle um die Vorherrschaft. Schaffen es die „guten“ Moleküle (blau) nicht, die „bösen“ Konkurrenten (rot) zu vernichten, hat der Fisch später ein Problem – möglicherweise droht ihm Demenz. Nach Ansicht der Forscher lassen sich diese Erkenntnisse bald auf den Menschen übertragen.

Eine Tür weiter beobachtet eine junge Wissenschaftlerin unter dem Elektronenmikroskop das Eiweißmolekül eines Brusttumors im fortgeschrittenen Stadium. Sie will erkennen, warum dieser Tumor anders als viele andere Varianten sein Wachstum wieder aufgenommen hat. Das Molekül ist der Schlüssel zur Erkenntnis. Auch hier erwarten die Forscher demnächst einen Durchbruch.

Einige Kilometer weiter hat sich MH zum Ziel gesetzt, die Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die Anwendung zu transportieren, mit Hilfe von Big Data am Ende vielleicht sogar den Krebs zu besiegen. Grundlage dafür ist ebenfalls Gentechnik.

Die Spezialisten von MH sequenzieren, analysieren und verarbeiten die DNA von Krebstumoren. Die rasante Entwicklung der Speichertechnik macht das möglich. Ist der Tumor nach zwei bis drei Tagen entschlüsselt, beginnt die eigentliche Arbeit. Die sequenzierte Tumor-DNA wird in eine Cloud geschickt und dort mit den Daten und den Therapieerfolgen tausender ähnlicher Tumoren verglichen – Brustkrebs mit Brustkrebs, Prostatakrebs mit Prostatakrebs, Leukämie mit Leukämie.

Hier kommt SAP ins Spiel. DNA-Analyse und Auswertung laufen auf der Software Hana. Die 2012 gestartete Plattform bündelt Behandlungserfahrungen von derzeit 750.000 Patienten mit Millionen von Datensätzen. Mittlerweile haben sich 7100 Gesundheitseinrichtungen in 88 Ländern dem SAP-System angeschlossen. Heraus kommt eine Statistik. Dort können Kohorten gebildet werden nach Alter, Geschlecht, Alter, Gewicht und anderen Merkmalen.

Am Ende erfährt der Arzt, welche Therapie in der Vergangenheit den größten Erfolg gebracht hat. Er hat mehrere Optionen und kann den Patienten Empfehlungen geben. Mehr noch: Die DNA-Analyse des Tumors ermöglicht die passgenaue Verabreichung von Arzneimitteln. Die Forscher gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit sogar kurzfristig spezielle Arzneimittel entwickelt werden können.

Dass die durch Big Data unterstütze Therapie wirkt, belegen die Forscher mit einem Beispiel: 2007 wurde bei einer 41-jährigen Frau inoperabler Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Sie erhielt viele Medikamente und Chemotherapien nach den Vorgaben der Leitlinienmedizin. 2013 wurden Metastasen in der Brust und Lunge entdeckt. Neue Chemotherapien und Medikationen folgten.

Aber die Nebenwirkungen wurden unerträglich und der Tumor wuchs weiter. Dann folgte die Analyse mit der MH-Technik. Das Tumormaterial wurde sequenziert und mit der Datenbank verglichen. Heraus kamen neue Therapieoptionen. Die neue Therapie schlug an, der Tumor schrumpfte und die Lebensqualität der Frau verbesserte sich deutlich.

In der Abrechnungsbürokratie des deutschen Gesundheitswesens gibt es für diese Art der Herangehensweise noch keine Ziffer. Auch fehlt es für einen flächendeckenden Einsatz noch an den Kapazitäten und der notwendigen Evidenz. Bis das zur Regelversorgung wird, wird es noch eine Weile dauern. Den Anfang machen jetzt MH, die Berliner Charité und die TK. Sie sprechen über einen Selektivvertrag zur Behandlung von Kindern mit Leukämie.

Die Kosten sind hoch, teurer als die der Leitlinienmedizin. Durchschnittliche Kosten lassen sich nicht beziffern, weil jeder Fall andere Ausgaben mit sich bringt. Die Hoffnung von Wissenschaftler, Ärzten und Pharmafirmen ist allerdings, dass sich mit Hilfe der genbasierten Therapie an anderer Stelle Kosten für nicht wirksame Behandlungen einsparen lassen.

Nicht nur die Kostenfrage erfordert gesundheitspolitische Diskussion. Wie geht die Gesellschaft mit den Genom-Daten um, wenn demnächst jeder Bürger über seine Daten verfügen kann? Was bedeutet es für das solidarische Versicherungssystem, wenn man die Versicherten spielend leicht nach genetischen Krankheitswahrscheinlichkeiten einteilen kann?

Auch die Rolle von Arzt und Apotheker werden sich vermutlich verändern. Der Arzt verliert zumindest teilweise die Hoheit über die Diagnose in der sogenannten Präzisionsmedizin, wird mehr und mehr zum Berater auf Basis der Computerdaten. Das tangiert das bisherige Selbstverständnis des Berufsstandes.

Für die Apotheker ergeben sich neue Chancen, wenn sie sich stärker in die genbasierte Arzneimitteltherapie einbringen können. Vieles ist noch Zukunftsmusik, aber man kann sie in Heidelberg schon hören. Die Beteiligten jedenfalls haben keine Zweifel, dass die Medizin vor einer Revolution steht.  

(apotheke-adhoc.de, 12.9.16, Lothar Klein)

  

 

Forscher finden Wege für Stopp der Ausbreitung von Melanomen auf andere Organe

Alle 52 Minuten stirbt ein Mensch aufgrund bösartger Melanome. Israelische Krebsforscher haben nun in Kooperation mit Heidelberger Wissenschaftlern aufgedeckt, wie diese aggressivste Form des Hautkrebs' andere Organe befällt. Das könnte die Behandlung dieser oft lebensbedrohlichen Erkrankung revolutionieren, teilte die Universität Tel Aviv am Dienstag mit.

Die Forscher fanden heraus, dass maligne Melanome winzige Bläschen, sogenannte Vesikel, aussenden, um andere Organe auf den Empfang von Metastasen vorzubereiten. Zugleich fanden sie chemische Substanzen, die diesen Prozess unterbinden "und damit aussichtsreiche Elemente künftiger Medikamente werden können", hieß es in der Mitteilung der Universität.

Am Montag hatten die israelischen Forscher gemeinsam mit ihren Kollegen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Nature Cell Biology" erstmals publiziert. "Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse helfen werden, Melanome zu einer leicht heilbaren Erkrankung zu machen", erklärte die Leiterin des Forscherteams in Tel Aviv, Carmit Levy, dazu am Dienstag.

Das Lebensbedrohliche an den Melanomen sei nämlich nicht der ursprüngliche Tumor, der auf der Haut sichtbar wird. "Die Gefahr geht von den Metastasen aus, welche die Tumorzellen zur Besiedlung lebenswichtiger Organe aussenden, wie Gehirn, Lungen oder Leber", erklärte Levy. Die nun veröffentlichte Studie sei "ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum endgültigen Heilmittel".

Wenn bösartige Melanome bei einer Vorsorgeuntersuchung frühzeitig entdeckt werden, sind die Behandlungschancen sehr hoch. Hat die Streuung von Metastasen dagegen bereits begonnen, verläuft die Erkrankung bisher meist tödlich. Weltweit steigt die Zahl von Neuerkrankungen mit malignen Melanomen, auch schwarzer Hautkrebs genannt, stark an.

(AFP, 23.8.16)

 

 

Krebsforschung

Deutsche spenden Rekordsumme

Rund 500.000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an Krebs. Jeder zweite könne geheilt werden, heißt es bei der Stiftung Deutsche Krebshilfe.

BERLIN. Die Deutsche Krebshilfe blickt auf ein Rekordjahr zurück. Mit knapp 109 Millionen Euro haben die Spenden im Jahr 2015 den höchsten Wert seit der Gründung vor 42 Jahren erreicht. Auf der Ausgabenseite hat sich die Stiftung mit mehr als 36 Millionen Euro als bedeutendster privater Drittmittelgeber im Hochschulbereich etabliert. "Die wissenschaftliche Landschaft sähe anders aus ohne die Krebshilfe", sagte Vorstandsmitglied Dr. Franz Kohlhuber bei der Vorstellung des Jahresberichts 2015 am Mittwoch in Berlin.

Ein Förderschwerpunkt ist die Entwicklung von innovativen onkologischen Therapien. So hat ein Projekt an der Universität Stuttgart 328.000 Euro erhalten, in dem zwei Forscherinnen einem zellulären Signalweg bei einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs (TNBC) auf die Spur kommen wollen. Sie suchen nach neuen Wirkstoffen, um diesen Signalweg zu unterdrücken, der für ein rasches Ausbreiten des Krebses verantwortlich ist.

An Hautkrebs erkranken jährlich rund 30.000 Menschen in Deutschland. Forscher der Universität Regensburg suchen ein Medikament, das gezielt die Ansiedlung von gestreuten Zellen eines malignen Melanoms verhindern soll. Die Krebshilfe unterstützte das Vorhaben im Jahr 2015 mit 383.000 Euro.

Insgesamt hat die Krebshilfe im Berichtsjahr 128 neue Projekte in der Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und der Versorgungsforschung aufgelegt. Mit 6,6 Millionen Euro unterstütze sie die Krebs-Selbsthilfe. Dieser Betrag hat sich im Vergleich zu 2014 nahezu verdoppelt.

Die Spendenbereitschaft der Menschen in Deutschland ist ungebrochen. 356.000 Einzelspender trugen zum Rekordergebnis 2015 bei. Fast 13 Millionen Euro mehr als 2014 hatte die Krebshilfe 2015 zur Verfügung. Auffällig ist der Aufwuchs der Summe aus Erbschaften. 61,7 Millionen Euro wurden der Krebshilfe hinterlassen, 15 Millionen Euro mehr als ein Jahr zuvor. Viele Erbschaften würden auf Wunsch der Erblasser direkt an bestimmte Forschungsprojekte gebunden, berichtete Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe.

Politisch sei die Krebshilfe bei zwei Projekten besonders beteiligt gewesen. So habe das Gesundheitsministerium bei der Formulierung des Hospiz- und Palliativgesetzes stark auf die Expertise der Krebshilfe gesetzt. Die Deutsche Krebshilfem, damals noch ein Verein, hat 1983 in Köln die erste Palliativstation in Deutschland überhaupt gefördert und finanziert.

Auch beim Präventionsgesetz habe die Krebshilfe mitgewirkt, berichtete Nettekoven. Jede zweite Krebserkrankung sei lebensstilbedingt. Das Risiko für Brustkrebs, Dickdarmkrebs und Endometriumkrebs könne durch 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche um mehr als ein Fünftel gesenkt werden, sagte Dr. Freerk Baumann von der Sporthochschule Köln. Gut belegt sei dies unter anderem durch die 1700 Krebssportgruppen in Deutschland, ein Angebot, das weltweit einmalig sei.

(Ärzte-Zeitung, 6.7.16, Anno Fricke)

 

 

Kampf gegen Krebs

Der 35-Milliarden-Dollar-Rückschlag

Ein heftiger Rückschlag im Kampf gegen Lungenkrebs hat am Freitag 35 Milliarden Dollar Börsenwert bewegt. In der hochgelobten Krebsimmuntherapie schlummern kommerzielle Risiken – auch für Anbieter wie die deutsche Merck.

(Frankfurt) Seit gut vier Jahren sorgt die Krebsimmuntherapie für Furore in der Pharmabranche. Wirkstoffe, die das Immunsystem gegen Tumorzellen aktivieren, lieferten überraschende gute Ergebnisse in diversen klinischen Studien, und heizten damit sowohl die Investitionen der Pharmafirmen als auch die Erwartungen der Analysten an.

Nun jedoch erlebte das Konzept seinen ersten großen Rückschlag: Eine große Studie des US-Konzerns Bristol-Myers Squibb (BMS) mit seinem Wirkstoff Opdivo verfehlte bei der Behandlung von Patienten mit Lungenkrebs das Ziel, den Krankheitsfortschritt stärker zu verzögern als die Standardtherapie. Das Ergebnis wirkte auf Investoren wie ein Schock, die BMS-Aktie verlor am Freitag knapp 16 Prozent. Das entspricht rund 20 Milliarden Dollar Verlust an Börsenwert.

Hintergrund sind die bislang enormen Erwartungen für das Umsatzpotenzial des Wirkstoffs. BMS gilt als Pionier und bisher führendes Unternehmen im Bereich der Krebsimmuntherapie und Opdivo als Top-Wirkstoff in dieser Produktklasse. Das Mittel ist bereits gegen Hautkrebs sowie in der so genannten Zweitlinientherapie gegen Lungen- und Nierenkrebs und gegen bestimmte Formen von Lymphdrüsenkrebs zugelassen. Das heißt, es darf dort eingesetzt werden, soweit andere Therapien nicht wirken.

Große Hoffnungen ruhten indessen darauf, dass Opdivo auch zum Mittel der ersten Wahl bei Lungenkrebs werden könnte. Das sollte die so genannte Checkmate-Studie belegen, die nun aber scheiterte.

(Handelsblatt, 8.8.16, Siegfried Hofmann)

 

 

Gentechnik

Crispr bringt Krebskranken neue Hoffnung

Vier Jahre nach ihrer Entdeckung soll die Gentechnik-Methode Crispr bereits an ersten Patienten getestet werden. Eine amerikanische Kommission hat grünes Licht dafür gegeben.

Seit Monaten gibt die neue Gentechnik-Methode namens Crispr zu reden, sie erzeugt gleichermassen Euphorie und Alarmismus. Für heisse Köpfe sorgt ihr Einsatz zur genetischen Manipulation von menschlichen Embryonen. Gleichzeitig sind weltweit aber unzählige Forscher daran, die Technik weiterzuentwickeln. Und so kommt es, dass in den USA die erste klinische Studie mit Patienten bereits vier Jahre nach ihrer Entdeckung grünes Licht bekam, wie die Wissenschaftszeitschrift «Science» letzte Woche berichtete. Mit dem positiven Entscheid der Kommission, die bei den National Institutes of Health die Sicherheit und Ethik von Gentechnik-Studien überprüft, ist die grösste Hürde im Bewilligungsverfahren genommen.

Die ersten Probanden für Crispr werden 18 schwerkranke Patienten mit verschiedenen Tumorarten sein. Da alle anderen Therapieversuche bei ihnen gescheitert sind, wird Crispr ihre letzte Hoffnung sein.

Scharf gemachte Immunzellen

Der Leiter der Studie, Carl June von der University of Pennsylvania, ist einer der Pioniere in der Entwicklung von gentechnisch veränderten Immunzellen, sogenannten CAR-T-Zellen. Seit mehr als zwanzig Jahren wird diese Art der Gentherapie erforscht. Dabei werden Immunzellen, sogenannte T-Zellen, aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen oder Viren wie etwa HIV besser erkennen und vernichten. Die veränderten Immunzellen tragen einen Rezeptor, der spezifisch an ein Molekül auf den Krebszellen oder dem Virus bindet. Zurück im Blut der Patienten, gehen sie gegen diese vor.

Bis anhin verwendeten Forscher für den gentechnischen Eingriff die «konventionelle Gentechnik»: Mithilfe eines Virus wird dabei das Gen für den Rezeptor irgendwo ins Genom der T-Zelle integriert. Bei Krebserkrankungen, bei denen Immunzellen (B-Zellen) bösartig geworden sind, hat man damit vielversprechende Erfahrungen gemacht, besonders bei der akuten lymphatischen Leukämie. Bei bis zu 90 Prozent der schwerkranken Patienten in verschiedenen klinischen Studien waren nach dem Eingriff alle Krankheitszeichen verschwunden. Das sei ein unglaubliches Ergebnis, sagt Toni Cathomen vom Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau. Experten vermuten, dass in den nächsten fünf Jahren ein entsprechendes Verfahren kommerziell erhältlich wird.

Schwieriger gestaltet sich die Behandlung von soliden Tumoren. Diese hätten ganz andere Abwehrmechanismen, sagt Ulf Petrausch vom Onkozentrum in Zürich. Er ist selbst an einer Studie des Universitätsspitals Zürich beteiligt, in der Krebspatienten mit veränderten T-Zellen behandelt werden. Crispr eröffnet neue Möglichkeiten, weil damit mehrere Gene gleichzeitig und gezielt verändert werden können.

Vier genetische Eingriffe

Der Pionier June will die T-Zellen der Patienten an vier Stellen verändern, damit diese effizient gegen verschiedene solide Tumore vorgehen können. Mit einer bewährten viralen Genfähre, also auf konventionellem Weg, schleusen die Forscher den Immunzellen im Labor das Gen für den Rezeptor ein, der die Krebszelle erkennt.

Dann kommt Crispr ins Spiel. Die molekulare Schere kann so programmiert werden, dass sie die DNA im Zellkern an einer ganz bestimmten Stelle zerschneidet. Deshalb wird sie oft dazu verwendet, Gene zu zerstören. Die Forscher wollen insgesamt drei Gene in den Immunzellen ausschalten. Dadurch verschwindet einerseits der Rezeptor, der das Ziel ausmacht, auf das die T-Zelle ursprünglich spezialisiert war (irgendein Krankheitserreger) – so konzentrieren sich die veränderten T-Zellen ausschliesslich auf den Krebs. Andererseits wollen die Forscher eine Bremse der T-Zellen ausschalten, das Protein PD-1. Dieses verhindert normalerweise, dass die Immunantwort überschiesst, und wird bei Bedarf vom Körper selbst betätigt. Doch haben auch Krebszellen in soliden Tumoren gelernt, die Bremse zu bedienen, um der drohenden Vernichtung zu entgehen.

Fehlt den veränderten T-Zellen das PD-1-Gen, sollten sie schlagkräftiger gegen den Krebs vorgehen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass sie nach getaner Arbeit, wenn der Krebs vernichtet ist, nicht mehr kontrollierbar sind und sich womöglich gegen gesunde Zellen richten. Das ist eine der Befürchtungen, die es im Zusammenhang mit CAR-T-Zellen gibt. Um dieses Risiko zu minimieren, habe man in dieser Studie für die veränderten T-Zellen mit NY-ESO-1 ein sehr tumorspezifisches Ziel gewählt, sagt Ulf Petrausch aus Zürich. Das Molekül wird sonst nur in der embryonalen Entwicklung produziert.

June und seine Kollegen wollen mögliche Schwachstellen und Nebenwirkungen der Crispr-Therapie genau überwachen. Zum Beispiel, ob die molekulare Schere das Genom der Immunzellen auch ungewollt an anderen Stellen schneidet. Solche sogenannten Off-Target-Aktionen können mit der Technik nicht verhindert werden. In Vorversuchen zeigten die Forscher aber, dass bei ihrem Ansatz keine kritischen Stellen, wie etwa Gene, betroffen waren.

Der Weg ist geebnet

June rechnet damit, Ende dieses Jahres mit der Studie zu beginnen. Es fehlen noch weitere Bewilligungen von den Ethikkommissionen der beteiligten Universitäten und von der Behörde für Lebensmittel- und Medikamenten-Sicherheit (FDA). Da June und die University of Pennsylvania Patente an dem eingesetzten Verfahren besitzen und deshalb ein Interessenkonflikt besteht, werden sie zudem ausweisen müssen, bei welchen Aufgaben sie in den Ausstand treten.

Vier Jahre zwischen der Entdeckung von Crispr und dem ersten Einsatz an Patienten ist eine kurze Zeit. Doch haben die Forscher mit der konventionellen Gentechnik und mit zwei anderen Werkzeugen, die wie Crispr Gene gezielt verändern, bereits viele Erfahrungen gemacht und den Weg für die neue Technik geebnet.

(NZZ, 2.7.16,  Lena Stallmach)

 

 

 

Google, Bing & Co.

Kann eine Internet-Suchmaschine gefährlichen Krebs früherkennen?

Sag mir, wonach Du googelst - und ich sage Dir, ob Du an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt bist. Händeringend suchen Forscher nach einer Methoden zur Früherkennung von Pankreaskarzinomen. Offenbar kann das Internet dabei helfe.

NEW YORK. Drei von vier Patienten mit einem Pankreaskarzinom, die nicht operiert werden können, sterben binnen eines Jahres. Nur sieben von 100 Frauen und acht von 100 Männern, die an Krebs der Bauchspeicheldrüse erkranken, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

 Ein Grund für diese niederschmetternde Situation: Der Tumor ist zum Zeitpunkt der Diagnose meist nicht mehr lokal begrenzt. Die Beschwerden, die der Diagnose vorausgehen, sind in der Regel unspezifisch, der Tumor wächst rasch und metastasiert früh. Das macht es so schwer, die Erkrankung in einem Stadium mit noch guter Prognose zu erkennen.

Ein US-Forscher-Team um John Paparrizos von der Columbia University in New York hat nun einen unorthodoxen Weg zur möglichen Früherkennung von Pankreaskarzinomen gewählt.

Die Frage, die sie sich vorlegten, lautete: Kann man anhand des Protokolls der Suchwörter, die jemand in eine Suchmaschine im Internet eingibt, spätere Pankreaskrebspatienten noch vor der Diagnose identifizieren? Unterstützung erhielten die Wissenschaftler von der Forschungsabteilung von Microsoft (J Oncol Pract 2016, online 7. Juni).

Fragen nach Symptomen analysiert

Laut den Ergebnissen von Paparrizos und Kollegen ist das möglich. Für ihre Machbarkeitsstudie haben sie zwei Gruppen definiert: Zum einen die Gruppe der Positiven, die eine Pankreaskrebsdiagnose erhalten hatten.

 Diese Gruppe bestand aus (anonymen) Menschen, die in der Suchmaschine Bing gezielt nach dem Begriff "Bauchspeicheldrüsenkrebs" oder einem Synonym gesucht hatten und zudem erkennen ließen, dass sie eine entsprechende Diagnose erhalten hatten (etwa indem sie dies explizit in der Suchanfrage formulierten).

Die Gruppe der Negativen bestand aus Menschen, die nach Symptomen von Pankreaskrebs gesucht hatten - mit Begriffen wie "gelbe Augen", "dunkler Urin", "fettiger Stuhl", "Verdauungsstörung", "Bauchschmerzen", "Gewichtsverlust" und vielen anderen.

Diese hatten aber nie konkret Auskunft über Pankreaskrebs selbst haben wollen. Positive und Negative zusammen bildeten die untersuchte Gesamtheit von Personen, bei denen es sinnvoll wäre, anhand einer passenden Suchhistorie nach Krebspatienten Ausschau zu halten.

Obwohl die Suche in Bing anonymisiert verläuft, lässt sich doch für jede Anfrage das Protokoll der vorhergehenden Suchbegriffe auffinden. Das geschah mit Blick auf die Gruppe der Positiven. Ein lernender Algorithmus filterte die Suchhistorie nach Begriffsmustern, die eine künftige Diagnose von Pankreaskrebs wahrscheinlich machen.

Diese Muster wurden schließlich an der Gesamtheit getestet. Wegen der geringen Prävalenz der Erkrankung kam es den Forschern um Paparrizos darauf an, die Muster so zu gestalten, dass es zu möglichst wenigen falsch-positiven Ergebnissen kam.

System zur Beobachtung

Mit Falsch-positiv-Raten zwischen 0,001 und 1 Prozent gelang es, anhand der Suchhistorie zwischen 5 und 30 Prozent der späteren Positiven ausfindig zu machen, und zwar etwa fünf Monate vor der tatsächlichen Diagnose.

 Bei der niedrigsten Rate an falsch-positiven Ergebnissen würde nur einer von 100.000 aus der Gruppe der Negativen fälschlich als positiv diagnostiziert werden. Die Prävalenz eingerechnet hieße das: Von drei positiven Befunden wären zwei richtig und einer falsch.

Den Nutzen ihres Ansatzes sehen die Forscher nicht im aktiven Screening als vielmehr in der passiven Beobachtung. Die Analyse ihrer einschlägigen Suchprofile könnte dabei für Internetnutzer womöglich in dem Rat resultieren, bei den Symptomen einen Arzt aufzusuchen.

(Ärztezeitung, 18.7.16, Robert Bublak)

 

 

 

Krebs: Wirkung der Diagnose berechnen

In der Medizin spielt Rechenleistung eine wichtige Rolle – Liquid Biopsy ist ein biomedizinisches Verfahren zum Nachweis von Krebszellen im Blut "And now there is one more thing." So kündigte Steve Jobs, der 2011 verstorbene Apple-Chef, stets große Revolutionen an. Etwa als er 2007 das Internet ins Handy brachte. Das iPhone werde die Welt verändern, prophezeite er und behielt recht. Nun verkündeten Jeff Bezos, Chef von Amazon, und Microsoft-Gründer Bill Gates einen vergleichbaren Coup. Mit dem Diagnostikhersteller Illumina wollen sie einen Bluttest für sämtliche Krebsarten entwickeln. Mit Wucht drängen derzeit die großen IT-Konzerne in das Gesundheitswesen. Denn: "There are so many more things." Google mischt bei unzähligen Biomedizin-Start-ups, Kliniken und Krankenversicherern mit; die Gates-Familie sitzt über Stiftungen längst im Boot. Auch Amazon-Chef Bezos hat das neue Geschäftsfeld entdeckt. Der Grund dafür: Seit Jahren produziert die Medizin Daten um Daten, vor allem die Krebsmedizin. Es ist eine schier gewaltige Informationsmasse, die auf ihre Auswertung wartet. Und wer könnte besser dafür geeignet sein als die ausgeklügelten Rechenformeln der IT-Industrie. Google hat es vorgemacht. Ihre Algorithmen, mittels deren Google-Gründer Sergej Brin und Larry Page "alles Wissen der Welt allen zugänglich machen" wollten, bieten sie nun auch Medizinern und Krankenhäusern an. Algorithmus in Genen Google Genomics will Erbgutinformationen speichern, systematisieren und auswerten. Ärzte hätten jederzeit Zugriff auf Daten, bewerben die Datengiganten. Zeitgleich beteiligt sich Google an etlichen auf Krebs spezialisierten Firmen. Deren Ziel gleicht sich im Prinzip: die gefährlichen Veränderungen in den Tumorzellen entdecken und möglichst gleich die passende Therapie anbieten können. Das Werkzeug dafür sind komplexe Algorithmen. Obwohl seit Jahren wahlweise von individueller, personalisierter, zielgerichteter oder Präzisionsmedizin gesprochen wird, ist die Onkologie bisher nicht weit über diese Buzzwords hinausgekommen. Bisher führt die gezielte Suche nach genetischen Mutationen in einzelnen Krebsformen nur selten zu großen Erfolgen. Etwa das Paradebeispiel ist der Wirkstoff Imatinib, der seit seiner Zulassung im Jahr 2001 fast 90 Prozent der damit behandelten Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie das Leben rettete. Er blockiert ein Protein, das bei dieser Art Blutkrebs aus dem Ruder läuft. Oder BRAF-Hemmer: Sie befreien Menschen, die an Schwarzem Hautkrebs erkrankt sind und BRAF mit einer bestimmten Veränderung tragen, gänzlich von ihren Beschwerden – eine Zeitlang. Ein weiterer aufsehenerregender Wirkstoff ist Alectinib bei nichtkleinzelligem Lungenkrebs. Er hemmt einen Wachstumspfad selbst dann noch, wenn andere ALK-Hemmer versagt haben. Mutationen erkennen Doch die Beispiele zu Haut- und Lungenkrebs lassen erahnen, wo die Tücke der zielgerichteten Therapien liegt. Die Tumore lernen, sie zu umgehen. Wenn der Angriff nicht in kurzer Zeit sämtliche Krebszellen ausschalten kann, wächst das Geschwür nach einiger Zeit weiter. Tumore tragen nicht nur eine einzige Veränderung, sie weisen etliche Tausend Mutationen auf. Von diesen müssen Mediziner jene suchen, die den Krebs besonders gefährlich machen. Zwischen fünf und fünfzehn solcher Treibermutationen trägt eine durchschnittliche Tumorzelle. Sie alle zu finden ist schwierig. Zudem ist ein Tumor ein höchst heterogenes Gebilde. "Selbst wenn 80 Prozent eines Tumors die gleichen gefährlichen Veränderungen tragen, die restlichen 20 Prozent werden die zielgerichtete Therapie verfehlen", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Hämatologie am Klinikum Berlin-Buch. Ein weiteres Problem ist die Zeit: Nach einer globalen Studie werden zwar mehr als zwei Drittel aller Lungenkrebspatienten auf eine wachstumstreibende Mutation im EGFR-Gen getestet, aber bei einem Drittel kommen die Testergebnisse nicht rechtzeitig, um den Arzt bei der Therapieentscheidung zu beeinflussen. Ins Plasma schauen Doch es bahnt sich eine Lösung an: Seit wenigen Jahren hat sich eine ganz neue Art von Unternehmen gegründet: Es sind Firmen, die Biomedizin mit komplexer Datenanalyse verbinden. Diese Kombination könnte schon in naher Zukunft einen Paradigmenwechsel in der Medizin einläuten. Die Methode heißt "next generation sequencing": Sie macht das Ablesen der Erbgutinformation schnell und preiswert möglich – und das aus Blutproben. "Der Krebs hinterlässt Spuren im Blut", sagt Lukas Heukamp, Medical Director von NEO New Oncology AG. Das Unternehmen bietet Bluttests an, um gefährliche Treibermutationen zu identifizieren. Mehr als 30 Veränderungen kann der Test bereits detektieren. Der Vorteil diese Methode: "Oftmals reicht das Tumormaterial selbst für die Analyse ja gar nicht aus – oder der Zustand des Patienten lässt eine herkömmliche Biopsie nicht zu", sagt Heukamp. Das neue Verfahren heißt Liquid Biopsy und ist ein Hoffnungsfeld der Krebsmedizin – vor allem für Verlaufskontrollen. Erfolg oder Versagen einer Therapie lassen sich mit dieser Methode viel rascher als bisher nachweisen. Die NEO New Oncology AG ist längst nicht das einzige Unternehmen, das auf die Spuren im Blut setzt. Astra Zeneca hat gemeinsam mit Quiagen bereits eine Zulassung für den deutschen Markt. Roche arbeitet mit Foundation Medicine an einem vergleichbaren Test. Der aktuell mit 70 riskanten Krebsgenen umfassendste Test ist vom kalifornischen Unternehmen Guardant. Werte interpretieren Wenn Bill Gates und Jeff Bezos also von einem Test für alle Krebsarten sprechen, dann meinen sie nichts anderes, als dass sie einen Gentest entwickeln wollen, der alle 400 Treibermutationen bestimmen kann. Ist das möglich? "Noch stehen solchen Verfahren viele Unsicherheiten gegenüber", sagt Edgar Dahl, Leiter der Molekularpathologischen Diagnostik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Denn Tumorerbgut ist nicht bei allen Krebserkrankungen gleichermaßen im Blut nachweisbar. Während sich fast alle fortgeschrittenen Darm- oder Eierstockkarzinome per Blutanalyse feststellen lassen, gelingt dies bei Prostata- und Nierenkrebs in weniger als der Hälfte der Fälle. Bei Hirntumoren sei der Nachweis über das Blut noch ungeeigneter. "Bislang kaum erklärbar ist, warum auch innerhalb einer Krebsart die Menge an nachweisbaren Erbgutfragmenten um den Faktor 10.000 und mehr schwanken kann", so Dahl. Erst der Anfang "Wir wissen einfach noch zu wenig über die Pathobiologie der Tumor-DNA im Blut, nicht nur über ihre Herkunft, sondern auch, was eine aufgefundene Treibermutation tatsächlich klinisch für den Patienten bedeutet." Dahl weiter: "Es ist zu hoffen, dass sich sinnvolle Muster oder Grenzwerte für Treibermutationen definieren lassen, sodass solche Früherkennungstests nicht zu Überdiagnosen und Verunsicherung führen." Illumina, Gates und Bezos haben also vor allem eines geschafft: Sie haben Aufmerksamkeit geschürt. Selbst wenn es gelingt, sämtliche Treibermutationen für alle Krebsformen zu bestimmen: "Sie gleichzeitig auszuschalten ist kaum möglich", sagt Wolf-Dieter Ludwig. Doch hinter dem ehrgeizigen Plan der Amerikaner könnte genau dies stecken: Wer das Erbgutprofil seiner Patienten kennt und mit bisherigen medizinischen Forschungen vergleicht, kann womöglich schneller Therapien anbieten – oder nach neuen Ansätzen suchen. Algorithmen werden alle Möglichkeiten kalkulieren. Google, Gates und Amazon haben das längst erkannt

(derstandard.at, 7.6.16, Edda Grabar)




Geister gegen Krebs

Forscher aus Israel und den USA wollen mit Nanotechnik Tumore besiegen

Zwei völlig unterschiedliche Tumorarten, ein neuer Therapieansatz – auf diese Formel lässt sich ein neues transatlantisches Forschungsprojekt bringen, das Wissenschaftler des renommierten Technion in Haifa gemeinsam mit ihren Kollegen des New York University Langone Medical Center nun auf den Weg gebracht haben. Im Visier: maligne Melanome, die wohl bösartigste Form von Hautkrebs, sowie Mesotheliome, eher seltene Tumore, die vor allem das Schutzgewebe innerer Organe angreifen und durch den Kontakt mit Asbest oder anderen toxischen Materialien hervorgerufen werden.
Das Ziel der Wissenschaftler: die Nanotechnologie zu einer wirksamen Waffe im Kampf gegen diese tödlichen Krankheiten zu machen. Winzige Partikel sollen ganz gezielt Wirkstoffe in Tumore einschleusen, Krebszellen den Garaus bereiten und dabei gesundes Gewebe schonen. Auf diese Weise will man weg von der klassischen Chemotherapie, die aufgrund ihrer schweren Nebenwirkungen von allen Patienten zu Recht gefürchtet wird.
Die Nanoteilchen selbst bestehen nur aus ein paar Atomen und sind etwa 1000-mal kleiner als ein rotes Blutkörperchen, weshalb sie sich als Wirkstoffträger geradezu anbieten. Sie heißen in der Fachsprache daher auch Nanofrachter oder, wie die Wissenschaftler aus Israel und den Vereinigten Staaten ihre Entwicklung nennen, »Nanogeister«, weil sie für das Immunsystem nahezu unsichtbar sind.
»In einer ersten Versuchsreihe haben wir Stammzellen von ihren eigentlichen Inhalten gereinigt und einen Teil der äußeren Membran in eine Art Vehikel umgeformt, sodass sie in der Lage waren, Medikamente zu transportieren«, erläutert Marcelle Machluf, Leiterin des »Laboratory for Cancer Drug Delivery & Cell Based Technologies« am Technion, das Prinzip dahinter. »Wir leihen uns diese quasi aus, um einen direkten Zugang zu den Krebszellen zu erhalten.« Als Membranfragment der ursprünglichen Stammzelle schaffen es die eifrigen Nanogeister sogar, die berüchtigte Blut-Hirn-Schranke zu passieren, an der die meisten Wirkstoffe üblicherweise scheitern. »Dadurch wird die Behandlung von Gehirntumoren einfacher und sicherer als mit vielen konventionellen Verfahren.«
Ihre Fracht ist dabei eine sogenannte microRNA, also eine nichtkodierende Ribonukleinsäure, die eine wichtige Rolle in dem komplexen Netzwerk der Genregulation spielt und sozusagen das Feintuning übernimmt, wenn es darum geht, die Umwandlung der Gene in Proteine zu blockieren. Damit hatten die New Yorker bereits Erfahrungen gesammelt, und zwar beim Ausbremsen genau der Gene, die für das Wachstum maligner Melanome verantwortlich sind. Die Wissenschaftler aus Haifa hingegen können auf Grundlagenforschung im Bereich Mesotheliome schon aus dem Jahr 2004 aufbauen. »Damals identifizierten wir das Enzym Heparanase«, erinnert sich Israel Vlodavsky von der »Ruth and Bruce Rappaport Faculty of Medicine« am Technion. »Dieses Enzym ist mitverantwortlich für zahlreiche biologische Prozesse wie zum Beispiel die Bildung von Metastasen.«
Theorie Nun will man die Erfahrungen der israelischen und amerikanischen Teams bündeln. Eine erste Theorie wurde bereits gemeinsam entwickelt, und zwar die, dass das von den Krebszellen produzierte Enzym Heparanase wohl eine Art Teufelskreis auslöst, in dem sich Entzündung und Tumorwachstum gegenseitig hochschaukeln. »In der Vergangenheit konnten wir beobachten, dass Patienten mit einem hohen Heparanase-Level nach chirurgischen Eingriffen eine deutlich geringere Überlebensrate aufwiesen als andere.« Dieses Problem wollen die Mediziner angehen. In ersten Experimenten an Mäusen möchte man jetzt herausfinden, was die kleinen Nanogeister noch so alles transportieren können, um den bösartigen Tumoren das Handwerk zu legen.
Möglich wurde die Forschungskollaboration durch Spenden in Höhe von neun Millionen Dollar, die der amerikanisch-israelische Geschäftsmann Isaac Perlmutter, Herrscher über das Marvel-Comic-Imperium sowie Eigentümer der Remington-Rasierer, gemeinsam mit seiner Frau Laura den beiden Forschungseinrichtungen zur Verfügung gestellt hat. »Unsere Zusammenarbeit ist wohl der erste Versuch, Heparanase als Risikofaktor bei den Tumoren im Schutzgewebe der Organe in den Mittelpunkt zu rücken und auf Basis von Nanotechnologie neue und vielversprechende Therapieansätze bei der Behandlung von Mesotheliomen zu entwickeln«, bringt es Israel Vlodavsky auf den Punkt.
Asbest Dass diese Krebsform im jüdischen Staat häufiger vorkommt als anderswo, belegen einige erschreckende Statistiken. In der Region rund um Naharija im Norden des Landes stiegen die Zahlen in jüngster Vergangenheit massiv an. Zählte man Anfang des neuen Jahrtausends noch 3,6 Tote auf 100.000 Einwohner, so waren es 2009 bereits 5,9 daran Verstorbene – eine der höchsten Quoten weltweit, Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: In Tel Aviv sind es nur 0,6 Personen auf 100.000 Einwohner. »Offensichtlich existiert ein Zusammenhang mit einer 1997 geschlossenen Asbestfabrik bei Naharija«, glaubt Micha Bar-Hana, verantwortlich für die Erfassung von Krebsfällen im Gesundheitsministerium. »Diese Karzinom-Variante ist deshalb so heimtückisch, weil sie bei den Betroffenen mitunter erst Jahrzehnte nach dem Kontakt mit dem giftigen Asbest auftritt.«
Viele der registrierten Fälle seien als Arbeiter genau in jener Produktionsanlage beschäftigt gewesen. Und Avi Weiner, Fachmann für berufsbedingte Erkrankungen am Rambam-Krankenhaus in Haifa, ist überzeugt, dass sogar einige Frauen durch die Berührung mit der asbestverseuchten Kleidung ihrer Männer erkrankten. Für sie dürften die Ergebnisse der israelischen und amerikanischen Forscher daher wohl besonders wichtig werden.

(Jüdische Allgemeine, 12.5.16, Ralf Balke)

 

 

Meilenstein in der Krebs-Ursachen-Forschung durch CTK-Tumor-Chirurgen

Dem Tumor-Chirurgen und -Forscher Professor Dr. Björn Brücher aus der Chirurgischen Klinik des Carl-Thiem-Klinikums Cottbus ist gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Dr. Ijaz Jamall aus Sacramento, Kalifornien, ein Meilenstein in der Krebs-Ursachen-Forschung gelungen.

Beide Tumorforscher erarbeiteten 2014 in den USA wegweisende Arbeiten in der Tumor-Forschung mit einer neuen revolutionären Krebs-Hypothese. Jetzt legten Brücher und Jamall eine Arbeit nach, die nach unabhängiger Begutachtung (sogenannter Peer-Review-Prozess) in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Cellular Physiology and Biochemistry“ erschien.

Zum Inhalt:

Die Krebs-Ursache ist vorwiegend unbekannt. Nur etwa 20 Prozent wurden bisher ursächlich bewiesen:

1. Fünf bis zehn Prozent entstehen durch Veränderungen des Erbgutes (Mutationen).

2. In ca. 15 Prozent entsteht Krebs durch Infektionen.

3. Aber: Die Mehrheit von Tumoren (80 Prozent) sind sporadisch – und dies bedeutet „unbekannte Ursache“.

Dazu erklärt Prof. Brücher: „Wesentlich war uns das Verstehen – nicht das Verfassen – einer neuen Krebs-Theorie. Richtige Beobachtungen zu Mutationen wurden jahrzehntelang in der Hinsicht falsch interpretiert, als wären diese für die Entstehung des Krebses hauptverantwortlich. Das wäre vergleichbar, als wenn jemand einen Apfel in einem Auto findet und fälschlicherweise annehmen würde, Äpfel wachsen in Autos. Krebs entsteht durch mehrere Schritte und Mutationen treten vorwiegend auf, nachdem die eigentliche Krebszelle entstanden ist. Die jetzige Arbeit untermauert dies und erklärt damit die Krebs-Hypothese für diese 80 Prozent sporadischen Krebsformen.“

Die jetzt erschienene wissenschaftliche Arbeit vereint in sich Physiologie und Biochemie der Biologie, Humanmedizin und Botanik – zusammen Zell-Kommunikations-Forschung, wie auch Labor-Experimente und klinische Studien. Sie liefert eine hohe Evidenz der aus sechs Sequenzen bestehenden neuen Krebs-Hypothese.

Beide Tumorforscher arbeiten eng zusammen in der international ausgerichteten Theodor-Billroth-Akademie, die neue Wege in Aus- und Weiterbildung und vor allem auch in der Forschung geht.

(7.5.16, Brücher BLDM, Jamall JS (2016): Somatic Mutation Theory: Why it’s Wrong for Most Cancers. Cell Physiol Biochem 38: 1-18)

 


Neue Entdeckung im Kampf gegen Krebs:
Tumorzellen stellen Betrieb um

Tumorzellen, denen mit Medikamenten der Sauerstoff abgedreht wird, stellen ihren Stoffwechsel mittelfristig um – sie wechseln auf eine Energiegewinnung ohne Sauerstoff. Diese Beobachtung von Biomedizinern von Universität und Universitätsspital Basel lässt sich für Therapien nutzbar machen, die das Tumorwachstum langfristig hemmen können, wie die Forscher in der neusten Ausgabe des Fachblatts «Cell Reports» berichten.

Neue Wege im Kampf gegen Krebs sind daher gefragt. Es ist heute allgemein bekannt, dass sich die Krankheit in einer Reihe von Stufen entwickelt. Eine davon, die Tumorangiogenese, besteht in der Bildung neuer Blutgefässe zur Versorgung des wachsenden Tumors mit Sauerstoff und Nährstoffen.

Das Verständnis der Grundlagen der Krebsentstehung hat dazu geführt, dass immer gezieltere Angriffstechniken entwickelt wurden: Medikamente können heute gleichzeitig mehrere Signalwege hemmen, welche die Tumorangiogenese regulieren.

Deren molekulare Aufklärung hat die routinemässige Anwendung bestimmter Therapien in der Klinik möglich gemacht: So kann die Blutgefässversorgung der Tumore mit der sogenannten anti-angiogenen Therapie gezielt verhindert werden.

Diese zeigt zwar meist einen vorübergehenden Erfolg, indem das Tumorwachstum für eine gewisse Zeit gebremst oder sogar ganz unterbunden wird. Die Tumore werden aber im Lauf der Behandlung resistent gegen diese Therapien – und sie beginnen wieder zu wachsen.

«Unerwartete Beobachtung»

Nun hat die Forschungsgruppe um Prof. Gerhard Christofori vom Departement Biomedizin der Universität und des Universitätsspitals Basel gezeigt, dass die neuesten Medikamente die Blutgefässbildung zwar effizient verhindern. Aber die Tumore können auch ohne neue Blutgefässversorgung weiter wachsen – eine unerwartete Beobachtung, wie die Forscher schreiben.

Die biochemische und molekulargenetische Aufarbeitung des Befunds zeigte, dass die Tumorzellen ihren Stoffwechsel umstellen: Sie verwenden zur Energiegewinnung nicht mehr den Sauerstoff, der über die Blutgefässe geliefert wird – sondern sie wechseln zu einer sauerstofffreien Energiegewinnung, der Glykolyse. Die dabei entstehende Milchsäure wird an die Zellen abgegeben, die noch genügend Sauerstoff erhalten und die Milchsäure mit dem Sauerstoff zur Energiegewinnung nutzen können.

Neue Therapien möglich

Die Arbeitsgruppe zeigte weiter, dass diese bestimmte Art des Stoffwechsels – und damit das Tumorwachstum – unterbrochen werden kann: nämlich indem die sauerstofffreie Energiegewinnung oder der Transport der Milchsäure gehemmt wird. «Unsere Erkenntnisse öffnen neue Wege, anti-angiogene Therapien zu optimieren und das Tumorwachstum effizient und langfristig zu hemmen», kommentiert Mitautor Christofori die Ergebnisse der Gruppe.

Originalbeitrag: Laura Pisarsky, Ruben Bill, Ernesta Fagiani, Sarah Dimeloe, Ryan William Goosen, Jörg Hagmann, Christoph Hess, and Gerhard Christofori

Targeting Metabolic Symbiosis to Overcome Resistance to Anti-angiogenic Therapy

Cell Reports (2016)

Weitere Auskünfte: Prof. Dr. Gerhard Christofori, Departement Biomedizin von Universität und Universitätsspital Basel, Tel. +41 61 267 35 62, E-Mail : gerhard.christofori@unibas.ch

(innovations-report.de, 29.4.16)

 

 

 

Darmbakterium als Auslöser von Krebs

Innsbrucker Forschern ist es gelungen, ein Darmbakterium als Auslöser von Krebs zu entlarven. Der Keim „Alistipes“ könne Dickdarmkrebs verursachen. Außerdem konnten sie zeigen, dass ein bestimmtes Protein vor der Entstehung von Darmtumoren schützt.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat Gastroenterologen Herbert Tilg von der Medizinischen Universität Innsbruck zeigen können, dass Mäuse, denen das antientzündliche Zytokin IL-10 sowie auch das Protein LCN2 fehle, eine schwerwiegendere Entzündung und nach einer gewissen Zeit auch Tumoren entwickeln würden. Mit der Gabe von Antibiotika hätten die Tiere jedoch keine Tumoren und nur eine milde Entzündung entwickelt.

„Die Sequenzierung der Darmmikroorganismen und die Schaffung einer Bakterienkultur führte uns zu einem Keim namens ‚Alistipes‘, der sich in unseren Versuchen als Auslöser von Dickdarmkrebs enttarnen ließ“, erklärte Gerner. Nachdem in ersten klinischen Untersuchungen bei Dickdarmkrebspatienten bereits eine überdurchschnittliche Anhäufung von Alistipes-Bakterien nachgewiesen worden wäre, würden diese Ergebnisse nun auch den molekularbiologischen Zusammenhang belegen, hieß es seitens der Mediziner.

Neue Therapien

Zudem hätten die Forscher auch dem antimikrobiellen Protein LCN2 eine zentrale Rolle nachweisen können. Das von weißen Blutkörperchen gebildete Protein sei in der Lage, mit den Keimen des Darms zu kommunizieren. „Indem es eisenbindende Moleküle, sogenannte Siderophore, bindet, entzieht LCN2 den Bakterien das für ihr Wachstum nötige Eisen und dämmt so die krebsfördernde Entzündung ein“, sagte Moschen.

LCN2 habe also eine schützende Funktion in der Entstehung von intestinalen Entzündungen und Darmtumoren, die mit einer veränderten Mikrobiota in Zusammenhang stehen. Diese Erkenntnis könnte für die Entwicklung innovativer Therapien bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und damit assoziierten Dickdarmkrebs von besonderer Bedeutung sein.

(ORF 27.4.16, science.ORF.at/APA)

 

 

Ein Enzym macht Bauchspeicheldrüsenkrebs resistent gegen Therapie

Ein Enzym, das von Bauchspeicheldrüsenkrebs produziert wird, macht ihn resistent. Deshalb wirkt die Chemotherapie oft nicht. Dabei ist Bauchspeicheldrüsenkrebs besonders aggressiv.

Krebs in der Bauchspeicheldrüse führt oft sehr schnell zum Tod. Und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders gefährlich. Häufig liegt das daran, dass der Tumor spät entdeckt wurde und schon Metastasen gebildet hat. In so einem Fall kann der Krebs schlecht operiert werden. Außerdem spricht Bauchspeicheldrüsenkrebs häufig sehr schlecht auf die Behandlung mit einer Chemotherapie an, da die Tumore resistent sind.

Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und des Stammzellinstitut HI-STEM in Heidelberg haben nun herausgefunden, woran diese Medikamentenresistenz liegen könnte.

Enzym macht Bauchspiecheldrüsenkrebs reistent gegen Medikamente

In einer aktuellen Studie, die die Wissenschaftler im der Zeitschrift "Nature medicine" veröffentlichten, weisen die Forscher nach, dass die Tumore das Enzym CYP3A5 produzieren. Es macht sie gegen Chemotherapien resistent. "Die Pankreas-Tumorzellen machen sich diese Enzymkaskade zunutze und bauen damit Medikamente ab, bevor sie überhaupt wirken können", sagt die Erstautorin der Studie Elisa Noll. "So sind sie gegen viele derzeit verwendete Krebsmedikamente resistent."

In ihrer Forschung blockierten die Wissenschaftler das Enzym bei Mäusen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs - mit guten Ergebnissen: "Es ist uns bereits gelungen, das Enzym in den Tumorzellen und sogar in tumortragenden Mäusen gezielt zu blockieren, und die Zellen dadurch für die Medikamente wieder empfindlich zu machen. Wir hoffen nun, Substanzen zu finden, die wir auch beim Patienten einsetzen können", sagte Martin Sprick.

Enzym CYP3A5 macht Chemotherapie wirkungslos

Etwa 20 Prozent der Bauchspeicheldrüsentumore sind von Anfang an resistent gegen Chemotherapie. Bei vielen anderen könne eine Resistenz erst im Laufe der Zeit hinzukommen, vermuten die Heidelberger Forscher. Darauf deuten verschiedene Untersuchungsergebnisse hin.  Auch andere Krebsarten wie etwa ein Magenkarzinom oder Leberkrebs bilden anscheinend das Enzym und machen sie gegen Chemotherapien resistent. Mit den neuen Erkenntnissen können die Therapie von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs vereinfacht werden.

(Augsburger Allgemeine, 27.2.16, hhc)

 


Neuer Therapieansatz: Krebs kontrollieren statt töten

Ein neuer und ungewöhnlicher Ansatz von Krebsforschern aus den USA könnte den Kampf gegen Krebs verändern. Ihnen zufolge könnte es erfolgversprechender sein, das Krebswachstum zu kontrollieren, statt sich die vollständige Entfernung des Tumors als Ziel zu setzten.

Bei der konventionellen Chemotherapie würden Krebspatienten häufig der höchstmöglichen Dosis ausgesetzt, um die größtmögliche Zahl an Krebszellen zu vernichten, erläutert Pedro Enriquez-Navas vom H. Lee Moffitt Cancer Center and Research Institute in Tampa. Mit dieser Herangehensweise zerstöre man alle gegen den Wirkstoff empfindlichen Tumorzellen. Übrig blieben nur die resistenten, die dann zu unkontrolliertem Tumorwachstum führten. Der neue Behandlungsansatz setzt dagegen auf häufige, dafür niedrigere Dosen. Ziel dieser Therapie ist es, den Tumor zu stabilisieren: Nicht alle Tumorzellen werden ausgelöscht, sondern bewusst eine kleine Menge übrig gelassen, die auf das entsprechende Medikament reagieren. Damit lasse sich das Wachstum resistenter Zellen unterdrücken, so die Forscher im Fachblatt Science Translational Medicine.

In einem Versuch mit Mäusen testeten die Forscher ihren Ansatz im Hinblick auf Brustkrebs. Mit Erfolg: Unter einer Standard-Chemotherapie schrumpfte der Brusttumor zwar. Er kam jedoch zurück, sobald die Therapie abgesetzt wurde. Im Gegensatz dazu ließ sich das Tumorwachstum durch die neue Therapie erfolgreicher kontrollieren. Diese startete mit einer hohen Dosis des Krebsmedikaments, die dann nach und nach reduziert wurde, wenn der Tumor schrumpfte. Tatsächlich hätten sogar zwischen 60 und 80 Prozent der Mäuse nach einer Zeit vollständig ohne das Medikament auskommen können, ohne dass es über einen längeren Zeitraum zu einem erneuten Auftreten der Krankheit gekommen sei, so die Forscher.

(aponet, 26.2.16, HH)

 

 

Doktorarbeit

Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Krebs

Die Doktorandin Maria Bräutigam könnte die Basis für weitere Fortschritte in der Krebstherapie gelegt haben.

Leverkusen. Es gäbe noch viel zu tun. „Eine weitere Doktorarbeit gibt das Thema locker her“, sagt Nicole Teusch. Sodann müssten in Labors weitere Erkenntnisse gesammelt werden. Doch dann stehen die Chancen gar nicht so schlecht, dass ihre Doktorandin Maria Bräutigam die Basis gelegt hat für Fortschritte in der Krebstherapie. Auch wenn es längst nicht so weit ist.

Jetzt sitzt Teusch, Professorin für Bio-Pharmazeutische Chemie an der Fakultät für Angewandte Naturwissenschaften, mit ihrer frisch gekürten Frau Doktor an einem Tisch in der Cafeteria der Hochschul-Heimstatt im Chempark. Der Raum ist eher ein Saal, liegt im fünften Stock, ist hell, die Aussicht weit. Zumindest nicht schlecht dürften auch die Aussichten sein, dass Maria Bräutigams Erkenntnisse im Kampf gegen Krebs weiterhelfen. Weniger der Krebsforschung als der Krebstherapie. Die leidet bei allen Fortschritten in den vergangenen Jahrzehnten unter einem unschönen Phänomen: Einige Medikamente, die klassischerweise in der Chemotherapie bei Brust- oder Lungenkrebs eingesetzt werden, entfalten ihre Wirkung nicht oder kaum. Der Grund: Die Tumore werden resistent. Dieser Widerstand gegen die Arzneien äußert sich in einem erhöhten Stoffwechsel des Tumors – die Wirkstoffe werden schnell wieder abgestoßen, wirken also nur kurz.

Warum ist das so? Diese Frage stand am Anfang der Versuche von Maria Bräutigam. Dreieinhalb Jahre konnte die Pharmazeutin im Rahmen eines Graduierten-Kollegs am Campus Leverkusen, an der Uni und der Uniklinik in Köln die Ursache forschen. Bezahlt wurde das von Bayer In dieser Zeit fand sie ein Gegenmittel. Genauer: „Ich habe versucht, den Metabolismus des Tumors zu hemmen.“

Dafür musste sie zunächst wissen, warum der Wirkstoff so schnell wieder abgestoßen wird. Die Antwort: „Es liegt an körpereigenen Enzymen“, berichtet Bräutigam: der Familie der Gluthation-S-Transferasen, kurz GST. Aus dieser Gruppe hat sie sich einen Typ ausgesucht und unters Mikroskop genommen – GSTP1.

Spätestens ab da wurde es richtig spannend. Als Hemmer für den Tumor-Stoffwechsel wählte sie einen Naturstoff: Artemisinin findet man im einjährigen Beifuß. Die Substanz wird sonst „gegen Malaria eingesetzt“, erklärt sie. Bräutigam brauchte das Artemisinin als Ausgangssubstanz, um einen Hemmstoff zu bauen: gegen die Wirkung des natürlichen „Tumor-Entgiftungsförderers“ GSTP1. Sie fand ihn in 1,2, 4-Trioxanen.

Ob er wirkt, testete die Doktorandin in den Leverkusener Laboren, die nach ihren Erfahrungen „super ausgestattet“ sind. Ihre Betreuerin hört's gerne: „Wir streben Industrie-Standard an“, sagt Nicole Teusch. Wo der liegt, weiß die Professorin genau. Bevor sie 2011 an die Hochschule kam, hat sie unter anderem in Bayers Pharmaforschung gearbeitet. Die neuen Geräte halfen Maria Bräutigam bei ihren aufwendigen Tests. An 15 Arten von Krebszellen beobachtete sie, ob ihr 1,2,4-Trioxan-Typ so gut als Hemmstoff wirkt, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Nachdem das bei zehn Krebszellarten so war, ging die Doktorandin weiter. An einem gängigen Brustkrebs-Zelltyp und einer aggressiven Lungenkrebs-Zelllinie testete sie die Wirkung. Das Ergebnis: Ihr Hemmstoff wirkt viel zielgenauer auf die Krebszelle ein. Der Effekt liegt auf der Hand: weniger Nebenwirkungen.

P.S.: Maria Bräutigams Note ist summa cum laude.

(Leverkusener Anzeiger, 28.2.16, Thomas Käding)

 

 

Zweitmeinung

Auswirkung auf jede sechste Krebs-Therapie

Eine Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung ist in der Onkologie nicht selten: Laut Zweitmeinungsplattformen gibt es in 40 Prozent der Fälle Differenzen. Bei jedem Sechsten wirkt sich das auch auf die Therapie aus.

BERLIN. Die Einholung einer Zweitmeinung sichert Patienten eine leitliniengerechte Therapie. Darauf deuten Erfahrungen von Zweitmeinungsplattformen in der Onkologie hin: Nach der Überprüfung durch Kollegen wird demnach jede sechste Behandlung geändert.

Seit zehn Jahren gibt es das Internetportal "Zweitmeinung Hodentumor" der Deutschen Hodentumor Studiengruppe. Entstanden ist das Projekt aus der Erkenntnis heraus, dass in Deutschland in vielen Krankenhäusern der "Erfahrungsschatz fehlt, den man braucht, um Patienten mit Hodentumor zu behandeln", sagte Professor Mark Schrader, Projektleiter der Studiengruppe, am Mittwoch auf dem Deutschen Krebskongress.

Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitmeinung in 40 Prozent

 Zudem zeigte schon das "Zweitmeinungsprojekt Keimzelltumoren", dass eine gemeinsam mit Zweitmeinungszentren vorgenommene Therapieplanung zu einer signifikanten Verbesserung der Behandlung führt.

4500 Zweitmeinungen wurden bis dato auf der Internetplattform eingeholt. Ärzte können über diese klinischen Primärdaten und auch ihre Therapieempfehlungen an die beteiligten Zweitmeinungszentren melden, diese geben daraufhin eine Behandlungsempfehlung ab. In 40 Prozent der Fälle, so Schrader, gebe es zwischen der Erst- und Zweitmeinung eine Diskrepanz.

"Jede sechste Zweitmeinung führt zu einer relevanten Therapieänderung", berichtete Schrader. Das liege daran, dass die Erstmeinung nicht leitlinienkonform war.

Ähnliche Ergebnisse präsentierte Udo Beckenbauer von der Health Management Online AG (HMO), die seit zwei Jahren für Krankenkassen und private Krankenversicherer eine Zweitmeinungsplattform anbietet, über die Versicherte die empfohlene Krebs-Therapie überprüfen lassen können. Das Portal arbeitet mit 32 Tumorzentren zusammen, 23 davon seien zertifiziert, so Beckenbauer.

Auswertungen zufolge bestätigten 57 Prozent der bisher 1400 eingeholten Zweitmeinungen die eingeschlageneTherapie. In 17 Prozent der Fälle weiche die eingeholte Expertise aber von der Erstmeinung ab, sagte Beckenbauer.

Wichtig für Bewältigung des "Lebensschocks"

Eine Zweitmeinung einzuholen, sei für die meisten Krebspatienten bei der Bewältigung des "Lebensschocks" wichtig. 63 Prozent der HMO-Portalnutzer wollten eine weitere Expertise, weil sie unsicher seien, ob die ihnen angebotene Therapie optimal ist. "20 Prozent der Patienten benötigen einfach eine Entscheidungshilfe", so Beckenbauer.

Auf den Nutzen von Zweitmeinungsverfahren, Patienten bei der Therapieentscheidung zu unter-stützten, wies Professorin Rita Katharina Schmutzler vom Zentrum Familiärer Brust- und Eierstockkrebs an der Universität Köln hin.

 Bei der prophylaktischen Mastektomie sei die Einholung einer Zweitmeinung "wirklich wichtig". "Wir müssen Frauen helfen bei der Frage, ob und wann eine prophylaktische Op vorgenommen wird."

Professor Peter Albers, Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft, verwies auf die über 900 zertifizierten Organkrebszentren in Deutschland. Würden diese intensiver und stärker als bisher genutzt, sei im Bereich Onkologie kein Zweitmeinungsverfahren nötig.

(Ärzte Zeitung, 24.02.2016, Julia Frisch)

 

 

Experte: Präzisionsmedizin eröffnet neue Wege in Krebs-Behandlung

Mit Hilfe der sogenannten Präzisionsmedizin schlagen Krebsforscher neue Wege bei der Bekämpfung der Krankheit ein. In der am 20.2. erschienenen Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Focus" verspricht der US-Forscher Todd Golub, Leiter des Krebsprogramms am Broad-Institut, wichtige Schritte auf dem Weg zur "kompletten" Heilung durch die Molekularmedizin.

Grundlage sei die fortschreitende Entschlüsselung jener Gene, die die Entwicklung von Tumoren bestimmen. Auf deren Basis "werden wir eine neue Einteilung von Tumoren erstellen", so Golub in dem Interview. Man werde Krebs "nicht mehr nach Organen klassifizieren", stattdessen sei "der molekulare Mechanismus der Tumorbildung entscheidend". Für schwarzen Hautkrebs beispielsweise liege bereits ein Medikament vor, das auf jene Krebs-Mutation, die bei der Hälfte der Melanome eine Rolle spielen, ziele und "bei den meisten Patienten den Tumor dramatisch zum Schrumpfen brachte".

Heutige Chemotherapeutika seien nach Golubs Ansicht eher "Cocktails voller Gift". Es sei "erstaunlich, dass sie überhaupt wirken", so der Forscher, dessen Institut sowohl der Harvard-Universität als auch dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston angegliedert ist. Auch auf dem Gebiet der Ursachen-Forschung und damit der Früherkennung von Krebs spielt die Genetik eine wachsende Rolle, berichtet der "Focus". Derzeit seien etwa 120 Krebs-Gene bekannt, zitiert das Magazin den Humangenetiker Stefan Aretz, Leiter des Zentrums für erbliche Tumorerkrankungen der Universität Bonn.

Die Medizin nehme an, dass "drei bis fünf Prozent der Tumor-Erkrankungen durch erblich bedingte Mutationen ausgelöst werden", so Aretz.

(dts Nachrichtenagentur, 19.2.16)

 

 

Mit Viren gegen Krebs

Das menschliche Erbgut besteht aus einer Vielzahl von Genen. Darunter befinden sich auch Fremdgene: So wurden im Laufe der Evolution Gene von Viren integriert, von denen die meisten aber inaktiv sind. Werden sie jedoch aktiviert, können sie das menschliche Immunsystem stimulieren – und so bei der Behandlung gegen Krebs helfen. Das haben Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) zusammen mit Kollegen aus den USA nachgewiesen, berichtet die FAU.

Eine wichtige Rolle spielen dabei sog. DNA-Methylierungs-Hemmstoffe (DMI), die in Tumorzellen eine Vielzahl von Genen des Immunsystems stimulieren und so zur Bekämpfung des Tumors beitragen. In ihrem Projekt haben die Forscher Eierstockkrebszellen mit DMI behandelt und festgestellt: Durch die DMI wurden Gene aktiviert, die zur Bildung von Proteinen mit antitumoraler Wirkung – sog. Interferone – führten und damit schließlich zum Tod der Krebszellen. Die Viren stimulieren also die Immunabwehr. Diese Funktionsweise konnten die Wissenschaftler auch in anderen Krebserkrankungen der Lunge, Haut und Brust nachweisen, so die FAU.

(Quelle: Befund Krebs 5/2015, curado, 10.02.16)

 

  

Neues Krebsjournal erscheint als Open-Access-Publikation

Europäische Gesellschaft für Medizinische Onkologie gibt "ESMO Open – Cancer Horizons" heraus

Wien/Lugano – Mit "ESMO Open – Cancer Horizons" ist am Dienstag erstmals das neue Open-Access-Journal der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) im Internet erschienen. Chefredakteur ist der Wiener Onkologe Christoph Zielinski, Koordinator des Comprehensive Cancer Center in Wien (Med-Uni/AKH).

Das wissenschaftliche Journal soll hochwertige medizinische Forschungs- und Lehrinhalte aus allen Onkologie-Disziplinen veröffentlichen, mit dem Schwerpunkt innovativer klinischer Studien und von Forschungsprojekten, die sich auf die schnelle Umsetzung von theoretischen Erkenntnissen zu Krebserkrankungen in die Behandlung von Patienten konzentrieren. Das Online-Fachmagazin in Kooperation mit dem "Britisch Medical Journal" soll die herkömmliche ESMO-Fachzeitschrift "Annals of Oncology" ergänzen und folgt deren Qualitätskriterien.

"Es handelt sich um ein frei zugängliches wissenschaftliches Journal, das nur online publiziert wird. Es bietet alle Möglichkeiten des Internet, wie zum Beispiel auch Podcasts und Video-Konferenzen", sagte Zielinski zum Start des Projekts. Die besten Experten der ESMO würden mitarbeiten. Besonderen Raum wolle man den Arbeiten junger Onkologen bieten.

(derStandard/Wien, 19.1.16, APA)

 
 

 

Warum sich Krebs so schnell nicht besiegen lässt

In den USA rufen Politiker wieder einmal den Kampf gegen den Krebs aus. Realistisch sind ihre Versprechungen kaum - sie verkennen das Wesen bösartiger Tumore.

Anfangs litt er nur unter Kopfschmerzen und Benommenheit. Die Ärzte vermuteten einen leichten Schlaganfall. Ungewöhnlich für einen 41-Jährigen, kommt aber vor. Drei Jahre später musste der Mann mit ähnlichen Beschwerden wieder ins Krankenhaus. Diesmal diagnostizierten die Ärzte einen bösartigen Hirntumor. Im Mai 2015 ist Beau Biden seinem Krebsleiden erlegen, er wurde gerade mal 46 Jahre alt.

Die Trauer und der Schmerz über den Verlust seines Sohnes mögen dazu beigetragen haben, dass Joe Biden dem Krebs entschiedener denn je den Kampf angesagt hat. Der Vizepräsident der USA forderte kürzlich "eine nationale Anstrengung, um den Krebs, so wie wir ihn kennen, zu besiegen". In Verhandlungen mit den Kongressführern der Republikaner hat Biden durchgesetzt, dass der Etat für das National Cancer Institute, das zentrale Krebsforschungsinstitut der USA, um 264 Millionen Dollar erhöht wird. "Das ist die größte Unterstützung, die unsere Krebsforscher innerhalb der letzten Dekade bekommen haben", sagte Präsident Obama gerade in seiner Rede zur Lage der Nation.

Das rhetorische Arsenal im Kampf gegen den Krebs wird gewaltig aufgerüstet. Wieder mal. Joe Biden sagt, dass "Amerika Krebs heilen kann", wenn es einen "neuen Raketenstart" (new moonshot) hinlegt. Die Leitung des Kontrollzentrums übertrug Obama in seiner State-of-the-Union-Rede Joe Biden. Und unter großem Applaus fügte der Präsident hinzu: "Für unsere Liebsten, die wir verloren haben, und für die Familien, die wir retten können - lasst uns Amerika zu dem Land machen, das den Krebs ein für allemal besiegt."

Starke Worte und wirkmächtige Bilder aus Kriegsrhetorik und Raumfahrt - schon steigt der Etat

Starke Worte statt Demut. Für große Ankündigungen braucht es gute Geschichten und wirkmächtige Bilder. Das war schon beim "Krieg gegen den Krebs" so, den Richard Nixon im Jahre 1971 unter Anspielung auf die Eroberung des Weltraums und den Ausbau von Kernenergie und Nuklearstreitkräften ausrief. Innerhalb von 25 Jahren sollte ein Heilmittel gegen Krebs gefunden werden, so die Ankündigung des Präsidenten damals. Ähnliche Anstrengungen wie "zur Spaltung des Atoms und zur Landung auf dem Mond" forderte Nixon von den Krebsforschern, auf dass die USA "nicht nur die reichste, sondern auch die gesündeste Nation der Welt" würden.

Sogleich wurde das Budget für das National Cancer Institute um 100 Millionen Dollar erhöht, doch bekanntlich ist das Vorhaben einer kompletten Heilung von Krebs gescheitert, auch wenn viele kleine Erfolge dazu beigetragen haben, dass sich die Überlebenszeit mit etlichen Tumoren verlängert hat und besonders kindliche Leukämien und Hodenkrebs erfreuliche Heilungsraten aufweisen. Aber insgesamt, man kann das so deutlich sagen, ist Krebs längst nicht besiegt. Man wünscht den Appellen von Obama und Biden zwar schnellsten Erfolg. Realistisch sind sie aber nicht. Im Gegenteil, derartige Ankündigungen führen in die Irre. Sie verkennen schlicht das Wesen des Krebses.

Krebs ist nicht eine Krankheit, Krebs ist ganz viele. Klar, auch Diabetes und Herzinfarkt können sich bei jedem Menschen auf unterschiedliche Weise äußern. Aber das ist hier nicht gemeint. Krebs ist strukturell bei jedem anders. Bösartige Tumore können in all den Hunderten Geweben und Organbestandteilen wuchern, aus denen der Körper besteht. Jede Zelle kann entarten und ist damit potenzieller Ausgangspunkt für einen Tumor.

Wie oft wurde dem Krebs schon das Ende prophezeit? Demut wäre angebrachter als Kraftmeierei

Auf Basis dieser unterschiedlichen zellulären Grundlagen entwickelt sich jeder Krebs zudem anders im Körper. Der eine Krebsherd wächst, die Tumorzellen entdifferenzieren sich immer weiter, und bald bildet er Absiedlungen überall im Körper. Der andere Krebs stellt sein Wachstum ein, bleibt differenziert und lokal begrenzt. Die Ursachen für diesen eigenwilligen Verlauf haben Forscher längst noch nicht verstanden, und es gibt sie sogar bei Krebsformen vom gleichen Gewebetyp.

Aus diesem Grund kann auch kein Arzt seriöserweise sagen, wie lange ein Mensch mit Magen-, Darm- oder Brustkrebs noch leben wird. Der eine wird geheilt oder der Tumor zumindest so weit zurückgedrängt, dass der Tod erst mit 85 Jahren - und dann zumeist aus anderen Gründen - eintritt. Der andere lebt nach der Diagnose keine zwei Jahre und muss mit Ende 30 von dieser Welt abtreten.

Vor diesem Hintergrund ist es unsinnig, die Heilung von Krebs insgesamt auch nur in Aussicht zu stellen. "Krebs ist weitaus komplexer, als wir uns das in den 1970er-Jahren vorstellen konnten", sagt José Baselga, Präsident der Amerikanischen Gesellschaft für Krebsforschung. "Auch wenn wir jetzt einen Plan haben und in einer Situation sind, in der wir wirklich etwas ändern können."

Seit wenigen Jahren versuchen Ärzte, Krebs gezielter zu attackieren, als es mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft möglich war. Mutationen werden unschädlich gemacht, Krebszellen mithilfe von Immuntherapien als Zielscheibe für das körpereigene Abwehrsystem markiert und vernichtet. In der Theorie sind diese Behandlungsformen bestechend, im Labor zeitigen sie Erfolge - in der Praxis folgt jedoch oft Ernüchterung.

Die überteuerten Therapien, bei denen ein Zyklus bis zu 50 000 Euro kosten kann, werden von vielen Patienten nicht vertragen. Bei anderen verlängert sich die Überlebenszeit um vier oder sechs Wochen, aber auf Kosten schwerster Nebenwirkungen. "Das sind spannende Zeiten mit interessanten Neuentwicklungen", sagt der erfahrene Krebsarzt Wolf-Dieter Ludwig, der zudem die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft leitet. "Aber ob daraus wirklich ein Nutzen für die Patienten erwächst, können wir frühestens in fünf bis zehn Jahren erahnen."

Wie wichtig Krebsvorsorge ist

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 500.000 Menschen neu an Krebs. Bedingt durch die Überalterung der Gesellschaft wird diese Zahl in Zukunft noch steigen. Wie sinnvoll Vorsorge-Untersuchungen sind und warum die Zahl der Todesfälle rückläufig ist.

Zeitangaben mit der Aussicht auf Heilung sind daher heikel. 2003 erklärte der damalige Leiter des National Cancer Institute, Andrew von Eschenbach, dass es sein Ziel sei, "Leiden und Tod durch Krebs bis zum Jahr 2015 zu eliminieren". In einer Anhörung fragte ihn der Politiker Arlen Specter, was es brauche, um den Zeitpunkt der Heilung früher zu erreichen. 600 Millionen Dollar im Jahr, antwortete Eschenbach. "Mit 600 Millionen im Jahr können Sie das Datum von 2015 auf 2010 vorverlegen?", fragte Specter. "Ja, Sir", antwortete Eschenbach. Specter starb 2012 an Krebs.

(SZ, 14.1.16, Werner Bartens)

 

 

Forscher entwickeln revolutionäre Krebs-Behandlung, die Tumore automatisch aufspürt

Manchmal kommt es einfach auf die richtige Verpackung an. Nanotechnologen der University of North Carolina at Chapel Hill wollen nun die Krebstherapie revolutioniert haben, indem sie Medikamente in Behälter steckten, welche die Arznei direkt zum Tumor transportieren. Somit kann die Medikation einer starken Chemotherapie bis zu 50 mal geringer ausfallen.

Bei dem Medikament handelt es sich um Taxol, welches als Arzneistoff in der Chemotherapie eingesetzt wird, um verschiedene Krebsarten zu behandeln. Während einer normalen Chemotherapie hat der Patient in der Regel unter enormen Nebenwirkungen zu leiden, da durch die abwehrenden Reaktionen des Immunsystem gegen das Medikament oft der Einsatz hoher Dosierungen erforderlich ist. Übelkeit, Erbrechen, Erschöpfung, Schleimhautentzündungen, Blutbildveränderungen oder der typische Haarausfall treten auf.

Mit dem neuen „Transportsytem“, dessen Wirkstoffbehälter aus Stoffen, die aus dem eigenen Immunsystem des Patienten hergestellt werden, bestehen, sollen diese unangenehmen Nebeneffekte eingedämmt und die Krankheit gleichzeitig effizienter geheilt werden können.

Die neue Methode nennt sich exoPXT, und die Forscher der UNC Eshelman School of Pharmacy's Center for Nanotechnology in Drug Delivery wollen nun mit dem Einsatz von einer 50 mal geringeren Chemo-Medikation den Lungenkrebs besiegen. „Damit können wir Patienten nun vielleicht mit kleineren und gezielteren Dosierungen der starken Chemotherapie-Medikamente behandeln und trotzdem effektiver vorgehen, bei gleichzeitig schwächeren Nebenwirkungen“, so die Chemikerin Elena Batrakova in der Presseerklärung zur Studie.

Das Revolutionäre an der Therapie ist der Transport der Arzneimittel, bei dem die Chemiker sich winziger Exosome bedienen— Bläschen, welche aus dem Material der Zellmembran bestehen. Diese werden von lebenden Zellen nach außen entsorgt und treten in besonders großer Menge bei Blutplättchen und Tumorzellen auf. Da sie schädliche Zellen selbständig „diagnostizieren“ und diese bekämpfen können, lassen sich Exosome auch als Biomarker, also biologische Indikatoren für Krankheiten, nutzen.

„Indem wir die Exosome weißer Blutkörperchen verwenden, versehen wir die Medizin mit einem Tarnumhang, der sie vor dem Immunsystem verbirgt“, erklärt Batrakova. „Wir wissen nicht genau, wie das geschieht, aber die Exosome schwärmen zu den Krebszellen aus und umgehen dabei jeglichen Widerstand, der ihnen beim Transport der Arznei in die Quere kommen könnte.“

Bisher wurde diese Methode noch nicht am Menschen ausprobiert. Die Wissenschaftler begannen ihre Versuche, indem sie Exosome von Mäusen mit Taxol befüllten und diese zellulären Frachtcontainer in einer Petrischale mit Krebszellen aussetzten. Wie geplant spürten die Exosome dabei die Krebszellen automatisch auf und setzten die Medikation somit gezielt frei.

Nach dem Erfolg dieses Laborversuchs, testeten die Nanotechnologen exoPXT auch in Mäusen mit Lungenkrebs, der sich resistent gegen andere Medikamente entwickelt hatte. Dafür färbten sie die Exosome ein, um den Weg des Wirkstoffes genau verfolgen zu können—und siehe da, erstaunlicherweise, begaben sich die Exosome auf direktem Weg zu den Tumorzellen.

„Die exakte Vermessung des gesamten Tumors in den Lungen ist eine der größten Herausforderungen bei der Behandlung von Lungenkrebspatienten“, so Batrakova. „Unsere Ergebnisse zeigen wie wirkungsvoll Exosome für die Therapie und Diagnose eingesetzt werden können.“

(motherboard.vice.com, 18.1.16, Christine Kewitz)
 

 

Krebsentstehung:
Doch überschätzte Rolle des Zufalls bei Krebs?

Die Rolle unvermeidbarer Zufälle bei der Entstehung von Krebs bleibt umstritten. Und wie entscheidend ist der fatale Einfluss von Krebs auslösenden Schadstoffen wirklich?

Anfang dieses Jahres machten die Krebsforscher Bert Vogelstein und Cristian Tomasetti von der Johns Hopkins University mit einer Studie Schlagzeilen, mit der sie eine unterschätzte Ursache für die Entstehung von Krebs thematisierten: Pech. Ihrer Analyse zufolge spielen zufällige negative Mutationen rein quantitativ – bezogen auf alle Krebsarten – eine bedeutendere Rolle als etwa Risikofaktoren im Lebenswandel. Und dies auch, wenn der Einzelne natürlich mit einem ungesunden Lebenswandel – etwa Rauchen – und durch andere äußere schädliche Einflüssen sein Risiko für das Entstehen dieser Mutationen insgesamt deutlich erhöhen kann.

Nur diese letzte Schlussfolgerung unterstreichen nun Forscher um den Krebsforscher Yusuf Hannun von der Stony Brook University in New York. Sie hatten versucht zu berechnen, wie stark äußere Einflüsse tatsächlich einwirken – etwa der Umzug eines Patienten von einer gesunden Umgebung in eine, in der bekannte Krebs auslösende Umwelteinflüsse stärker wirken; oder eine stärkere oder schwächere durchschnittliche UV-Einstrahlung. Dabei beobachteten sie einen unerwarteten Effekt: Tatsächlich scheinen unterschiedliche Störeinflüsse in verschiedenen Geweben doch unterschiedlich schwer zu wirken – was einige der Schlussfolgerungen von Vogelstein und Tomasetti zum Teil entkräftet.

Denn diese hatten den Zufall als eine Hauptursache postuliert, weil sie eine auffällige Korrelation der Teilungs- und Krebsraten in 31 Geweben feststellen konnten. Sie vermuteten daher, dass sich die Stammzellen in den unterschiedlichen Organen nur unterschiedlich schnell teilen, aber eben nicht per se unterschiedlich häufig entarten, sondern statistisch gleich oft und zufällig. Dies muss angesichts der Daten von Hannun und Kollegen nun modifiziert werden: Tatsächlich scheinen unterschiedliche Krebs auslösende Faktoren doch auf unterschiedliche Stammzellen unterschiedlich schädlich zu wirken. Dies müsse einkalkuliert werden, meint Hannun: Der Einfluss des Zufalls ist daher doch geringer, der von mutagenen Umwelteinflüssen größer als gedacht.

Beide Forschergruppen streiten noch um Details ihrer Studien, berichtet "Nature News" – beide weisen aber immerhin übereinstimmend darauf hin, dass Prävention und das Vermeiden bekannter Krebsauslöser wichtig bleiben. Wie wichtig genau, wird wohl weiter diskutiert werden.

(Spektrum der Wissenschaft, 17.12.15, Jan Osterkamp © Spektrum.de)

 

 

UKSH geht neue Wege im Kampf gegen Krebs

Schnell, nebenwirkungsarm und spezifisch Tumore bekämpfen, um so die Therapie für die Tumorpatienten zu verbessern - daran arbeiten derzeit Ärzte und Forscher der Pathologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck und des Leibniz-Forschungszentrums Borstel.

"Bisher hatte man bei Tumorerkrankungen meist nur sehr unspezifische Möglichkeiten: entweder wurde versucht den Tumor operativ zu entfernen, ihn zu bestrahlen oder eine Chemotherapie zu geben. Die Entscheidung, für diese Therapien beruhte im Wesentlichen auf dem Ergebnis der histologischen Untersuchung mit Hilfe des Mikroskops durch den Pathologen. Heutzutage untersuchen Pathologen Tumore nicht nur ausschließlich auf Basis ihres histologischen Erscheinungsbildes, sondern mittels modernster Labormethoden auch hinsichtlich ihrer genetischen Veränderungen. Mit dem Nachweis spezifischer Genveränderungen können im Idealfall neue zielgerichtete Therapien zum Einsatz kommen, die wesentlich nebenwirkungsärmer und nur gegen den Tumor gerichtet sind", sagt Prof. Dr. Sven Perner, Direktor der Pathologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Campus Lübeck.

Generell befasst sich die Molekularpathologie mit der DNA – also den Bausteinen der Gene - aus Tumorproben des Patienten und kann so einen wichtigen Beitrag zu prädiktiven Diagnostik leisten. "Es geht darum, Genveränderungen zu detektieren, die das Ansprechen auf eine moderne zielgerichtete Therapie vorhersagen können" sagt Dr. Helen Pasternack, Leiterin der neu aufgebauten Molekularpathologie.

Laut Prof. Perner und Dr. Pasternack liegen die Schwerpunkte der Molekularpathologie bisher auf dem Lungenkrebs, schwarzen Hautkrebs, Dickdarm-, Burst- und Eierstockkrebs sowie den Tumoren des Knochenmarks und der Lymphknoten. Durch das enge Zusammenspiel zwischen molekularer Tumorforschung in nationalen und internationalen Forschungsverbünden und diagnostischer Molekularpathologie, soll in den kommenden Jahren das Spektrum dieser Untersuchungen auf alle Tumorerkrankungen ausgedehnt werden. "Wir wollen molekulargenetische Veränderungen finden, die eine Therapie erlauben, an die man bislang nicht gedacht hat, um so auch austherapierten Patienten noch eine Behandlungsmöglichkeit anbieten zu können", sagt Prof. Perner.

(HL-live, 12.1.16) 

 
 

 

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